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Ich bin Sam
(I Am Sam; USA, 2001)
In den 80ern war Verrohung in Hollywoods junger Garde angesagt. Charlie Sheen, Johnny Depp, Sean Penn – damals drei Youngsters auf dem Weg zum Erfolg, denen jeder ihr ausgesprochenes Talent attestierte, mit denen aber viele nicht auf Grund ihrer Entgleisungen, die sich meist in Alkoholorgien und wüsten Hotelzimmerschlachten äußerten, zusammen arbeiten wollten. Jetzt, 15 Jahre danach, sieht man sehr gut was auch Hollywoods Next Generation so geworden ist. Sheen ist im TV-Mekka abgetaucht und Depp spielt immernoch gern rebellische, aber facettenreiche Rollen. Ruhiger sind sie alle geworden, als Sensibelchen zeigt sich mittlerweile jedoch der größte Rüpel. Sean Penn ist nicht mehr nur Mr. Ex-Madonna, er ist ein begehrter Charakterdarsteller geworden, der sich in seinem aktuellen Werk „Ich bin Sam“ wohl von seiner besten Seiten zeigt. Als zurückgebliebener Vater, der um das Sorgerecht für seine Tochter vor Gericht streitet, liefert Penn wohl die eindringlichste und gleichzeitig schwierigste Darstellung seiner wechselhaften Karriere ab.
Sam Dawson (Sean Penn) arbeitet in einem Frühstücks-Diner und ist dafür zuständig die Zuckerpäckchen zu sortieren und auch mal das Essen an den Tisch zu bringen. Kaffee zu kochen traut sein Chef Sam nicht zu, denn Sam ist geistig behindert, sein Intellekt ist auf der Stufe eines Siebenjährigen. Aber Sam hat sein Leben im Griff. Er wohnt alleine und die alltäglichen Probleme schaffen ihn nicht, was auch seiner tiefen Freundschaft zu vier anderen Behinderten aus der Nachbarschaft zu verdanken ist, die immer für ihn da sind. Dann passieren ein paar ungewöhnliche Dinge. Nachdem Sam einer jungen Rumtreiberin Unterschlupf gewährt hat wird diese von ihm schließlich schwanger und läßt ihn neun Monate später noch vor dem Krankenhaus mit seiner neugeborenen Tochter Lucy sitzen. Dank der in sich gekehrt lebenden Nachbarin Annie (Diane Wiest), die seit Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat, gelingt es Sam jedoch alle Sorgen der Kindeserziehung in den Griff zu bekommen und Lucy (Dakota Fannig) wächst zu einem fröhlichen und lebhaften Mädchen heran, dass ihren Vater genauso abgöttisch liebt wie er sie, denn er ist dank seines kindlichen Gemüts auch ihr bester Freund. In ihrem sechsten Lebensjahr wird die Beziehung zwischen Lucy und Sam jedoch von vorhersehbaren Problemen überschattet. In der Schule wird Vater Sam von Eltern wie Lehrern und Mitschülern nur belächelt, Lucy selber glaubt, dass auch sie sich nicht geistig weiterentwickeln sollte als ihr Vater. Dann wird Sam durch ein Mißverständnis zusammen mit einer Prostituierten verhaftet, der Fall wird der Sozialarbeiterin Margaret Calgrove (Loretta Devine) überstellt und alles weitere dauert auch nicht lange. An ihrem siebten Geburtstag taucht in Sams Wohnung die Polizei auf, Lucy wird ihm weggenommen und ein Sorgerechtsprozeß, in dessen Verlaufs Sams väterliche Qualitäten auf den Prüfstand sollen, beginnt. Auf der Suche nach einem Anwalt landet Sam bei Rita Harrison (Michelle Pfeiffer), einer Karriere-Frau, die ihr eigenes Leben nur augenscheinlich im Griff hat. Rita vernachlässigt für den Beruf ihren Sohn, ihr Mann betrügt sie, ihre Ideale sind auch nicht sonderlich hoch geschraubt. Dank einer peinlichen Situation sieht Rita sich genötigt Sams Fall ohne Bezahlung zu übernehmen um vor ihren Kollegen nicht das Gesicht zu verlieren. Anfangs noch genervt von Sams Verhalten erschließt sich ihr bald eine ganz andere Welt, die auch positive Auswirkungen auf ihr eigenes Leben zeigt. Die Liebe zwischen Vater und Tochter lehrt Rita was sie falsch macht und stärkt schließlich ihren Willen den Fall zu gewinnen, für Sam und auch für sich selbst. Doch die Chancen stehen sehr schlecht...
Die Thematik ist alles andere als Kino-tauglich, normalerweise werden aus solchen Geschichten tränenreiche Fernsehstoffe gemacht. „Ich bin Sam“ ist da jedoch anders, er ist zwar ein Film zum Flennen, aber keineswegs ein kitschiger, was größtenteils dem handwerklich gut strukturierten Drehbuch zu verdanken ist, dass neben ordentlichen Charakteren auch genug Realismus und psychologische Tiefe zu bieten weiß um zu fesseln. Und natürlich verdankt der Film viel seiner Besetzung, die niemals zu dick aufträgt. Neben einem grandiosen Sean Penn glänzt auch Michelle Pfeiffer indem sie ihren ebenso vielschichten Charakter treffend umsetzt. Aus der Nebenrollenbesetzung fällt vor allem Doug Hutchinson auf, der als das große Ekel aus dem Gefängnisdrama „The Green Mile“ bekannt ist und hier sehr gekonnt einen von Sams behinderten Freunden spielt. Als hoffnungsvolle Neuentdeckung erweist sich die siebenjährige Dakota Fanning, die ihre Rolle nicht nur ebenso bravourös wie ihr Film-Vater Sean Penn umsetzt, sondern mit diesem auch ein perfektes Team bildet. Das man hier einen überaus talentierten Kinder-Star aufbauen kann haben anscheinend auch Hollywoods Produzenten gemerkt, so dass man das kleine Mädchen demnächst auch als Tochter von Chalize Theron in dem Actionthriller „24 Hours“ und als jugendliche Ausgabe des von Reese Witherspoon gespielten Hauptcharakters in der Romanze „Sweet Home Alabama“ sehen wird.
Regisseurin Jessie Nelson zeigt mit ihrer zweiten Kinoarbeit handwerkliches Geschick wie ein alter Profi. Sie läßt kleinen Details großen Raum und erweckt so Atmosphäre und vor allem absolute Sympathie für den zurückgebliebenen Sam und seine Freunde, sie wirken wie bessere Menschen, da sie ihre Unschuld bewahren konnten, denn sie haben nie gelernt wie man nicht mehr unschuldig sein kann. In „Ich bin Sam“ gibt es keine Helden und keine Schurken. Sam und seine Freunde sind Helden des Alltags, eher negative Personen wie der Staatsanwalt oder die Sozialarbeiterin werden so dargestellt wie es ist, denn sie müssen sich mit solchen Dingen befassen, ob sie wollen oder nicht.
Dank dem Einsatz einer leicht wackelnden Handkamera in besonders emotionellen Sequenzen, wie z.B. im Gerichtssaal oder wenn Sam nach langer Zeit wieder auf seine Tochter trifft, kommt auch eine semi-dokumentarische Atmosphäre auf, die ebenso dafür mit sorgt, dass der Film sensibel, glaubhaft und unaufdringlich wirkt, den Hang zur Langatmigkeit, den Gerichtsdramen nunmal haben, kann ihm dies natürlich nicht nehmen. Das Stars die Menschen ins Kino noch ziehen können hat „Ich bin Sam“ bewiesen: 22 Millionen Dollar kostete die Produktion, fast das Doppelte hat der Film jedoch in Amerika eingespielt. Ein mehr als verdienter Erfolg. Wer realitätsnahe Sozialdramen mag kommt um diesen kleinen großen Film nicht herum. [srs]
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