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Spy Game - Der finale Countdown

(Spy Game; USA, 2001)

Während James Bond den Martini geschüttelt und nicht gerührt bevorzugt ist Nathan Muir doch eher dem Scotch zugetan. Aber nur altem Scotch. Eigentlich ein untypisches Agentengetränk, aber Nathan Muir ist auch kein üblicher Agent.
Robert Redford hat noch nie übliche Agenten gespielt, dafür aber ein paar unübliche. Der erste war 1975 Joe Turner in "Die drei Tage des Condor", ein Schreibtischhengst, der über sich hinaus wachsen muss. Oder wie wäre es mit seinem Martin Bishop in "Sneakers - Die Lautlosen", einem vom System enttäuschten Ex-Agenten, der nun Sicherheitssperren umgeht. Und nun ist Redford wieder der Agent. Seine Figur Nathan Muir ist jedoch alles andere als eine positive Figur, auch wenn er anscheinend der Held ist und auf den ersten Blick in das Saubermannimage des Schauspielers und Regisseurs passt.

Es ist 1991, der Fall der Berliner Mauer beschäftigt noch alle und die politische Weltsituation ist mal wieder am brodeln. Es ist der letzte Tag, den der altgediente CIA-Hase Nathan Muir (Robert Redford) in seinem Job verbringen soll, heute abend wird er seine Marke abgeben, den wohlverdienten Ruhestand betreten und sich seine Altersresidenz auf den Bahamas aufbauen. Es ist der Tag an dem Muirs Schüler und Freund Tom Bishop (Brad Pitt) in einem chinesischen Gefängnis hingerichtet werden soll. Und niemand scheint bereit zu sein dagegen etwas zu tun. Erstmals ist Muir auf sich selbst gestellt und er muss dabei auch gegen das System antreten für das er Jahrzehnte lang treu einstand.
Bishop ist dabei verhaftet wurden als er einem unbekannten Gefangenen zur Flucht verhelfen wollte, im letzten Moment ist Bishops gut durchdachter Rettungsplan aufgeflogen, er selber wird nun der Spionage angeklagt, es bleiben 24 Stunden bis zu seiner Hinrichtung. 24 Stunden in denen die US-Regierung der chinesischen signalisieren könnte, dass Bishop ein Agent aus den ihren Reihen ist und die Exekution dadurch keineswegs rechtens wäre. Da in China jedoch grade Handelsgespräche laufen sieht sich der Präsident in der Zwickmühle, befreit er Bishop gefährdet er die Handelsverbindungen, befreit er ihn nicht, so wird er vor dem amerikanischen Volk nicht gut dastehen, es sei denn man findet schnell einen Grund warum man Bishop nicht helfen sollte. Und der liegt eigentlich klar auf der Hand, schließlich weiß niemand was Tom in dem Gefängnis gemacht hat, auf einer von der CIA genehmigten Mission war er jedenfalls nicht.
Auftritt Nathan Muir, der weiß wie er mit Vorgesetzten wie Untergebenen umgehen muss. Die Methoden seit seiner Ausbildung haben sich geändert, was aber nicht bedeutet, dass sie nun besser sind. Geschickt spielt er einen gegen den anderen aus, sein oberstes Ziel ist es herauszufinden was Tom in dem Gefängnis wollte und ihm das Leben zu retten. Dabei muss er eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit antreten, Muir erinnert sich daran wie er Tom während des Vietnamkrieges als Scharfschützen anheuerte, später ihn für die CIA anwarb, ausbildete und ihn als Spion in Ost-Berlin einsetzte - und wie es zum Bruch der beiden Freunde während des Golfkrieges kam, eine Episode, die Toms Leben nachhaltig beeinflußen sollte und für die aktuellen Geschehnisse verantwortlich ist...

Die Zusammensetzung aus Besetzung, Regie und Story läßt eigentlich durchschnittliches erahnen. Robert Redford hatte in den letzten Jahren nicht gerade Weitsicht bei der Auswahl seiner Stoffe bewiesen, Tony Scott auf dem Regiestuhl verspricht zwar schöne Bilder aber auch eine alles andere als intensive Inszenierung. Und die Geschichte? Die erscheint auf den ersten Blick ein altbekannter Spionagethriller zu sein, ein Agent will den anderen retten, das Ganze gepaart mit Männerfreundschaft und dem wie üblich bösen Staat als Gegner. Doch "Spy Game" ist mehr als das. Hat man aus dem Kino doch eher eine blumige Vorstellung vom Agentenleben als großer Kinderspielplatz mit möglicherweise tödlichem Ausgang, so erscheint "Spy Game" über weite Strecken doch glaubhaft. Schreibtischtäter ohne Kompetenz brocken die Suppe ein und denken auch noch, sie hätten genug Weitsicht um von ihrem Pentagon-Stuhl aus die Situation beurteilen zu können. Der Agent hingegen ist nur eine Spielfigur, die die Folgen tragen muss. Für die Befehlshabenen erscheint Spionage als Spiel, für die, die in der Schußlinie sitzen kann es jedoch tödlich enden. Und das muss auch Tom Bishop lernen, der als Idealist der CIA beitritt und die Bösen tötet. Die Bösen sind jedoch die von denen seine Vorsetzten behaupten, dass sie die Bösen wären. Bishop muss schnell lernen, dass es mehr gibt als Schwarz und Weiß und beibringen tut ihm dies recht ungewollt Nathan Muir, dargestellt vom weiße Westen-Träger Robert Redford, der sich trotz Heldenfunktion als rückssichtsloser Bürokrat erweist und erst am Ende bereit ist die vom System diktierten Regeln zu verletzen. Muir ist ein Mann der für die Erfüllung des Auftrages bereit ist über Leichen zu gehen, so viele wie sein müssen. Und von Bishop verlangt er das Gleiche. Loyalität dem Land und der Organisation gegenüber, dass scheinen die Werte des Nathan Muir zu sein, doch was ist wenn dein Land dich im Stich läßt. Muir muss erkennen, dass er nicht seinem Land dient, sondern nur bornierten Grünschnäbeln die sich anmaßen über Leben und Tod entscheiden zu dürfen. Innerhalb des amerikanischen Spionagethrillers sind dies eher ungewohnte Töne, nichts ist hier wie bei James Bond. Und die amerikanische Flagge wird äußerst tief gehalten, Patriotismus ist hier nicht gefragt.
Das Team Redford/Pitt erweist sich als kleiner Glücksgriff, so arbeiten doch der alte und der junge Superstar Hand in Hand. Nichts ist von Konkurrenz zu spüren. Als Pitt mit Harrison Ford "Vertrauter Feind" drehte gab es angeblich schwerwiegende Querelen zwischen Pitt und Ford, durch die Medien ging dabei hauptsächlich, dass niemand dem anderen den Mittelpunkt gönnen wollte. Nachdem dies bei diesem Film anscheinend alles andere als ein Problem darstellte kann man sich fragen wer wohl damals am stänkern war. Hier akzeptiert Pitt Redford jedenfalls gerne als den väterlichen Part und ordnet sich unter. Zu sehen sind die beiden gleichzeitig nur in Rückblenden, wodurch die Beziehung der beiden Figuren zueinander oftmals gewaltige Zeit- und somit auch Entwicklungssprünge vollziehen müssen. Kein Problem für die beiden, Pitt gibt seinen Charakter Tom Bishop gekonnt als innerlich zerrissen wieder, Redford hingegen bleibt immer kühl, aber clever.
Tony Scott inszeniert mit seinen üblichen Mittlen der Videoclip-Ästhetik, hält sich aber über die weitesten Strecken doch deutlich zurück. Nur in der Vietnam-Rückblende kann er es nicht lassen einen häßlichen Braun-Filter auf die Kameralinse zu legen um das Bild düsterer und schmutziger wirken zu lassen. Hier wirkt sich das recht unansehnlich aus, die Ost-Berlin Episode hingegen zeichnet er in blassen und kühlen Farben, die atmosphärisch unterstreichend sind, auch wenn das Bild Ost-Berlins bei Nacht eher dem London aus Jack the Rippers Zeiten entsprungen erscheint.
Insgesamt kann "Spy Game" trotz mancher Handlungslücke und einem etwas überzogenen Ende völlig überzeugen und auch bewegen. Der Film ist spannend, clever gestrickt und bewußt anders indem der eigentliche Handlungsfaden doch ständig nur während Bürogesprächen und Telefonaten geschieht. Zudem gibt er ein recht plausibles Bild über die Arbeitsweise des CIA ab - und natürlich auch die der amerikanischen Regierung - und ist gerade für Interessierte am Weltgeschehen vielschichtig zu bewerten. Anschauen lohnt sich.

[srs]