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From Hell

(From Hell; USA, 2001)

London 1888, ein brodelnder Hexenkessel in dem das hungernde Volk von der Schicht der Reichen ausgenutzt wird. London, eine Stadt in der die Aristokratie hoch gehalten wird - und nichts darf sie beflecken. Besonders in dem Elendsviertel Whitechapel herrscht Unmut über die sozialen Zustände. Während sich die Männer entweder tot schuften oder mit Verbrechen ihr Geld verdienen müssen haben die Frauen nur die Prostitution als Überlebensmöglichkeit. Zu Bluttaten kommt es hier oft, aber so wie es Whitechapel in den nächsten Wochen erleben soll war es noch nie, denn Jack the Ripper hat das Viertel betreten. Bereits als das erste Opfer Martha Tabram (Samantha Spiro) gefunden wird ahnt Inspektor Frederick Abberline (Johnny Depp), dass mehr hinter der Sache steckt als ein einfacher Irrer, der es liebt seine Opfer dahinzuschlachten. Abberline, der selber seit dem Tod seiner Frau problembehaftet ist und sich immer wieder dem Opiumrausch ergibt, nimmt die Untersuchung im einschlägigen Milieu auf. Er glaubt, dass ein gebildeter Mann mit ausgeprägten medizinischen Kenntnissen der Täter ist. Sein Vorgesetzter Sir Charles Warren (Ian Richardson) hört solche Mutmaßungen nur ungern und behindert Abberline wo er nur kann, zumal ihm der findige Inspektor eh ein Dorn im Auge ist, da dieser in seinen Drogenhalluzinationen immer wieder mediale Fähigkeiten beweist und Verbrechen vorhersieht. So kann sich Abberline nur auf einen Mann verlassen, seinen Assistenten und sein gutes Gewissen Peter Godley (Robbie Coltrane), der Abberlines oftmals unkonventionelle Ermittungsmethoden unterstützt. Als wieder eine Prostituierte stirbt findet Abberline schnell die Verbindung, beide Opfer stammen aus einen Frauenclique, von der nun nur noch drei übrig sind. Angeführt wird diese von der stolzen Mary Kelly (Heather Graham), in die sich der Inspektor zudem verliebt. Anscheinend wissen die Mädchen etwas, was von großer Bedeutung ist. Abberlines Ermittlungen führen ihn erst zu dem rabiaten Sonderermittler Ben Kidney (Terence Harvey), der im Auftrag der Krone die Drecksarbeit erledigt, und schließlich zum Leibarzt der Königin, Sir William Gull (Ian Holm), der Abberline einige schockierende Regierungsgeheimnisse enthüllt, die ihn auf die Spur des Mörders bringen, der von Opfer zu Opfer immer grausamer vorgeht...

Eine der wenigen realen Gestalten des Horrorfilms ist Jack the Ripper. Was ihn jedoch erst so verkaufbar macht ist der Mythos um ihn, seit seinem plötzlichen und ungeklärten Verschwinden nach mehreren äußerst brutalen Morden wie sie selbst in der heutigen Zeit extrem exzessiv noch wären, versuchen Historiker wie Abenteurer dem Rätsel um den Schlitzer auf die Spur zu kommen. Niemand weiß wer er wirklich war, dafür gibt es aber unendlich viele Theorien, so dass man heute kaum noch durch das Dickicht der Mutmaßungen durchsteigen kann und der Ripper viele Identitäten im Laufe der letzten Jahrzehnte verpaßt bekommen hat, woran das Medium Film alles andere als unschuldig ist. Mittlerweile ist man jedoch soweit, dass man schon versucht sich wenigstens an die belegbaren historischen Gegebenheiten zu halten, da die glaubhafteste Theorie besagt, dass die Spur des Rippers ins englische Königshaus führte, geht man darauf nun immer wieder ein, nicht jedoch ohne in der Täterwahl zu variieren.
"From Hell" greift nicht auf die Realität als Vorlage zurück, sondern auf einen Comicstrip von Eddie Campbell und Alan Moore. Schon das allein ist eigentlich ungewöhnlich, der Ripper-Mythos als Comicverfilmung, dass jedoch auch noch die Gebrüder Hughes, die eigentlich im harten schwarzen Sozialdrama zu Hause sind und mit "Menace II Society" wie auch "Dead Presidents" fast schon Klassiker des New Black Cinema ablieferten, hinter der Kamera stehen läßt Erwartungen auf einen absolut ungewöhnlichen Film aufkommen.
Und so präsentiert sich "From Hell" als düsterer, moderner Schocker, der jedoch nicht wirklich überzeugen kann. Ein ausgeprägter Inszenierungsstil zieht sich quer durch den Film, wenn der Himmel Londons sich blutrot färbt und Abberline seine schnell geschnittenen Halluzinationen bekommt zeigt der Film deutlich die Comicelemente, weswegen man ihm auch die abstrusen Fähigkeiten seiner Hauptfigur verzeihen mag. Hinter diesen stilistischen Sequenzen verbirgt sich jedoch zum einen die Unlogik der Geschichte, zum anderen auch, dass diese mittlerweile ausgelutscht ist. Nichts Neues bekommt man in Punkto Ripper serviert, x-mal hat man das hier schon gesehen, überrascht wird man kaum, kennt man einen Ripper-Film nach 1985 kennt man sie alle.
Auch die Darstellung der Charaktere zielt natürlich an der Realität vorbei. War Inspektor Abberline in Wirklichkeit ein alkoholkranker, wenn auch brillanter Polizist gehoben Alters, so wird er hier zum jugendlichen Helden mit einer Schwäche für Opium, zudem noch eine tragische Gestalt durch seine Vergangenheit. Angedichtet wird ihm ein Verhältnis zur Prostituierten Mary Kelly, die in der Wirklichkeit ein Opfer des Rippers unter vielen war. Dies nur als Hinweis für jeden, der auf historische Präzision hofft - die Rippergeschichte des Films hat nur wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Aber auch ansonsten bleibt die Geschichte recht unausgegoren. Das Verhältnis zwischen Abberline und Mary drückt sich nur durch einen Kuss aus, ihre Liebe zueinander wirkt halbherzig. Ebenso undurchsichtig bleiben die Gründe für Abberlines selbstzerstörerische Sucht nach Opium, die zwar für manch schick gedrehte Szene sorgt, aber der Geschichte wenig dienlich ist, zumal sie als Metapher für Abberlines Sehnsucht nach dem Tod, die im krassen Gegensatz zu seiner unermüdlichen Tätersuche steht, besonders gegen Ende nicht mehr genug Wirkung zeigt. Klischeehaft wirkt das Verhalten der Polizei, die Vorgesetzen sind vom System korrumpiert, nur der Assistent steht zum Inspektor, ansonsten heißt es "Einer gegen Alle". Die Partnerschaft zwischen dem von Depp ordentlich dargestellten Inspektor und dem von Robbie Coltrane nicht minder intelligent dargebrachten Kollegen Godley wirkt wie bei Sherlock Holmes und Doktor Watson abgekupfert, der Doylsche Charakter, der wohl bereits in der Vorlage stecken dürfte, ist auch im Film zu merken.
Neben Charakteren und Story hinkt vor allem die Auflösung des Films ziemlich, betrachtet man sich das Verhalten einzelner Figuren nochmal im Vorfeld des Finales, dann wirkt dieses alles andere als schlüssig, wobei der Mediziner Sir Gull wie auch Abberlines Vorgesetzer Sir Warren besonders unglaubwürdig davonkommen, obwohl auch diese Charaktere von hochtalentierten Darstellern verkörpert werden. Aus dem Ensemble fällt eh nur Heather Graham, was aber eher daran liegt, dass ihre Rolle nur schmuckes Beiwerk ist. Anfangs dient die Auswalzung der Figur Mary Kellys noch um die Mißstände dieser Zeit aufzuzeigen, später jedoch wird sie zum Ziel des Mörders degradiert, so dass weder Darstellung noch Charakterisierung für ihre Figur wichtig sind, alles was zählt ist nur noch ob sie stirbt oder überlebt.
"From Hell" garantiert einen spannenden und unterhaltsamen Kinoabend, für den man schon Nerven braucht. viel mehr aber nicht. Nicht im entferntesten reicht er an die Bösartigkeit und Düsternis der bisher besten Ripper-Adaption, die 1988 von David Wickes für das britische Fernsehen mit Michael Caine gedreht wurde, heran, was auch mal wieder zeigt, dass der Realität zu folgen oftmals noch das beste Ergebnis bringt, denn Wickes ist wohl der einzige Ripper-Regisseur der von sich behaupten kann, dass er sich um Fakten schert. Auch den Hughes-Brüdern kann man nur empfehlen zu ihren Wurzeln zurück zu kehren, denn trotz seiner Überdurchschnittlichkeit ist "From Hell" ihr schlechtester Film geworden. Genre-Kino, dass man ohne Probleme gucken kann, aber nicht muss.

[srs]