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Memento

(Memento; USA, 2000)

Ein Foto von einer Leiche, um sie herum ist Blut. Kopfschuss, keine Frage. Dann verblaßt das Bild immer mehr, der Abzug zieht sich zurück in die Polaroid-Kamera, die Blutpfütze verkleinert sich, dringt zurück in den Kopf aus der sie kam, die Kugel fliegt hinaus, das Loch, das sie im Schädel hinterlassen hat schließt sich wieder. Rückwärts drückt sich die Kugel in den Pistolenlauf und der gerade noch tote Mann steht wieder auf. Wie diese Szene ist der ganze Film, er läuft rückwärts. Ein furioser, bedeutungsschwangerer Einstig in Christopher Nolans grandiosen Independent-Thriller "Memento", der ein Spiel mit der Logik des Kinos treibt, wie es vor ihm kaum ein anderer tat.

Der Mann, der gerade abgedrückt hat, heißt Leonard Shelby (Guy Pearce). Er trägt einen Designer-Anzug und fährt einen Jaguar. Er wohnt in einem schäbigen Motel, zu dem er kaum den Weg durch die Stadt zurück findet. Und jedesmal stellt er sich Burt (Mark Boone Junior), dem Typ am Empfang aus neue vor. Burt weiß aber Bescheid, Leonard hat eine bösartige Krankheit. Einst war ein grundsolider Ermittler einer Versicherungsgesellschaft, dem niemand etwas vor machen konnte. Eine Nachts jedoch wachte er auf, seine wunderschöne Frau Catherine (Jorija Fox) war verschwunden und er hörte Geräusche aus dem Badezimmer. Bewaffnet machte er sich auf den Weg um heraus zu finden was im Bad passierte und fand einen vermummten Mann dabei vor wie er gerade Catherine umbrachte. Ein Schuß, der Mann fällt tot nach hinten. Leonard untersucht seine Frau, bekommt einen schweren Schlag auf den Kopf und kann sich seitdem an die Ereignisse nach dieser Tat nicht mehr erinnern. Jeden Morgen wenn er erwacht weiß er nicht wo er ist, sein Kurzzeitgedächnis ist ausgelöscht, seine Erinnerungen verblassen innerhalb kürzester Zeit und jedesmal weiß er nur eines: seine geliebte Frau ist vergewaltigt und ermordet wurden - und er muss den Täter finden und zur Strecke bringen, das ist sein einziger Lebensinhalt noch. Um sein Leben weiterhin ordnen zu können läßt er sich alles wichtige direkt auf seinen Körper tätowieren. Auf seiner Hand steht nur "Erinnere dich an Sammy Jenkins", so weiß er in was für einem Zustand er ist, denn Sammy Jenkins war einmal einer seiner Fälle, der das selbe Problem wie Leonard hatte, den er aber für einen Schwindler hielt, ein Fehler für den Leonard heute noch Gewissensbisse plagen. Auf seiner Brust steht die Beschreibung des Täters, sein Vorname, sein Auto-Kennzeichen und dass er ein Drogendealer ist. Hilfreich sind ihm nur zwei Menschen, der eine ist der zwielichtige Teddy (Joe Pantoliano), das andere die Barfrau Natalie (Carrie-Anne Moss). Um später über seine Umgebung Anhaltspunkte zu haben macht Leonard von jedem und allem Fotos, die er mit Hinweisen versorgt. Das fröhliche "Traue seinen Lügen nicht, er ist es, bring ihn um" auf der Rückseite von Teddys Bild scheint Leonard alle Hinweise zu geben, dass er endlich am Ziel ist. Und so bringt er Teddy um. Doch wie ist Leonard eigentlich darauf gekommen, dass Teddy der Mörder seiner Frau ist?

Diese Frage beantwortet sich in "Memento" in stetigen Rückblenden. Eine Szene macht immer eine Erinnerungseinheit der Hauptfigur aus, immer die vorherige Erinnerungseinheit wird nacheinander erzählt. Dies führt dazu, dass man als Zuschauer sich bald in einem verzwickten, aber nie unlogischen Krimi-Puzzle befindet, dass sich gegen Ende immer mehr zur grotesken Bösartigkeit steigert. Leonard, der Anti-Held, ist für den Zuschauer von Anfang an die Identifikationsfigur, denn am Anfang weiß man nicht mehr als er. Auch wenn er sich als eiskalter Killer erweist, so bleibt er doch der Sympathieträger, denn er ist der einzige, der den Zuschauer aus diesem Dickicht aus Intrigen und Lügen hinaus führen kann.
Regisseur Christopher Nolan, der zuvor nur den kurzen Indie-Film "Following" auf Zelluloid gebracht hatte, erweist sich in seinem Kino-Erstling als äußerst talentierter Inszeniator, so ist sein Film vordergründig ein spannungsstarker Thriller, innen drin jedoch auch ein perfektes Kino-Experiment, dass mit der Erwartungshaltung des Zuschauers spielt und ihn ständig nur täuscht. Auch psychologisch glaubhaft bringt Nolan die Adaption einer Kurzgeschichte seines eigenen Bruders Jonathan auf die Leinwand. Sein Held Leonard Shelby ist, dank der äußerst vielseitigen Darstellung von Guy Pearce, eine der interessantesten Figuren im Kino seit langem, sein Charakter wird sehr plastisch, was auch daran liegt, dass man mit jeder Szene wieder von neuem diesen Charakter begegnen kann, sein Handeln bezieht sich nicht aus seinen Erfahrungen, die er zuvor gesammelt hat, denn er hat sie ja längst wieder vergessen, sondern jedesmal muss er erneut seinem inneren Gespür folgen, selbst wenn es absolut absurd erscheint, so ist jeder neue Fakt in der Geschichte, die sich alle für den Zuschauer zu einem Gesamtbild ergeben, für ihn doch ein neuer Anfang. Man sieht wie er zum Spielball seiner Mitmenschen wird, alle um ihn herum verwickeln ihn in Intrigen, sogar er sich selber. Dieser Mann weiß nichts über sein Leben. Er hat auch keine Aufgabe mehr, im Endeffekt ist er gesichtslos. Die Zeit zwischen der Filmhandlung und dem Filmtod der Ehefrau kann eine Woche, ein Monat, ein Jahr oder auch ewig sein, sowohl für den Zuschauer wie auch für Leonard, schließlich fehlt ihm das Zeitgefühl, für ihn ist seine Frau erst im letzten Augenblick gestorben, wodurch seine Liebe und auch sein Rachedurst niemals zur Ruhe kommen kann.
Für den durchschnittlichen Kino-Gänger ist "Memento" wahrscheinlich nichts, zu verworren und skurril dürfte der Schnitt-Stil für diesen sein. Wer jedoch das amerikanische Thriller-Kino der 80er und 90er zu schätzen weiß, der wird von diesem Film nicht mehr los kommen. "Memento" hat das Zeug zum Klassiker und nur ein paar wenige Kleinigkeiten verderben ihm die Höchnote, wobei vor allem die recht schwammige Figur der Natalie ins Gewicht fällt, deren Bedeutung bis zum grausigen Ende sehr unklar bleibt. Übrig bleibt ein nicht immer einfacher, aber für seinen Stil noch recht leicht zu entwirrender Krimi, der dank seiner beiden herausstechenden Hauptdarsteller und ein hochgradig entwickeltes Script zum mehrfachen Anschauen einlädt und verführt. Wer gerne im Kino rätselt sollte an diesem Kleinod nicht vorbei gehen.

[srs]