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Vanilla Sky
(Vanilla Sky; USA, 2001)
Da sitzt er nun, David Ames (Tom Cruise), der einst von allen geliebte Playboy, hinter Gitter gesteckt wegen Mordverdachts, auch sein gutes Aussehen ist zerstört. Um von seinem Geisteszustand einen Eindruck zu bekommen schickt man ihm den warmherzigen Psychiater McCabe (Kurt Russell), dem David seine Geschichte erzählt, die Geschichte seiner Vergangenheit und auch warum er diese konturenlose Latexmaske im Gesicht trägt. Wochen zuvor ist David noch eine schillernde Persönlichkeit, bei der sich die Reichen und Berühmten die Klinke in die Hand geben. David leitet eines der größten amerikanischen Verlagshäuser in Amerika, hat dementsprechend Geld und macht sich um das Leben keine Sorgen. Die Firma hat er von seinem Vater geerbt, der seinem Sohn nie wirklich Liebe entgegenbrachte, seine Eltern starben bei einem Autounfall während David in der Pubertät war. Und so übernahm David den Konzern in jungen Jahren, wurde jedoch dabei vom neuen Aufsichtsrat, oder auch den sieben Zwergen, wie David sie boshaft schimpft, den Davids Vater ihm als Bürde vor die Nase gesetzt hatte, nie für voll genommen. Seitdem dauert sein Kampf um die Emanzipation von diesem erfolglos an. Anstatt sich jedoch wirklich auf diesen Kampf zu konzentrieren läuft David lieber mit High Speed durchs Leben. Alle um ihn herum sind seine Freunde und niemand kann seinem Charme widerstehen. Vertraute hat er jedoch nur zwei, der eine ist der Schriftsteller Brian Shelby (Jason Lee), der David seit einer ganzen Weile auf seinem Lebensweg begleitet, die andere ist die erfolglose Schauspielerin Julie Gianni (Cameron Diaz), mit der David jedoch auch immer mal wieder gerne ins Bett steigt, und die schon seit langem mehr von ihrem besten Freund will und auch erwartet. Als David auf einer Party Brians neue Bekanntschaft Sofia (Penelope Cruz) kennenlernt ist es um ihn geschehen. Auch wenn er seinem besten Freund dabei das Mädchen ausspannt, so muss er mit Sofia zusammensein, denn innerhalb einer Nacht der Gespräche erkennt er, dass er endlich das gefunden hat, was er seit langem sucht: Liebe. Doch sein Traum von der Beziehung zerplatzt am nächsten Morgen wie eine Seifenblase, als er in das Auto von Julie steigt, nichtsahnend, dass diese ihm gleich ein Liebesgeständnis machen und danach in den Freitod gehen wird. Beide brechen mit dem Wagen schließlich durch ein Geländer und landen an einer Mauer.
Wie ein Wunder überlebt David das Unglück, doch sein Gesicht ist entstellt und sein Arm verkrüppelt. Zurückgezogen sucht er sein Heil in Selbstmitleid, die Ärzte können nichts für ihn tun, das einzige was sie ihm geben ist eine Gesichtsprothese, eine Latex-Maske, die angeblich für eine schnellere Regenerierung der Hautzellen sorgen soll. Auch das erste Wiedersehen mit Sofia wird nicht so wie erhofft, am Ende des Abends schläft David betrunken und von allen verlassen in der Gosse ein - um am nächsten Morgen von Sofia gefunden zu werden. Sie ist bereit auch mit einem hässlichen David durchs Leben zu gehen. Endlich scheint alles gut zu werden, als die Ärzte an David ein neues Verfahren testen und sein Gesicht wieder herstellen können scheint das Glück perfekt zu sein. Doch immer mehr bekommt David den Eindruck, dass sein Leben nicht sein Leben ist. Beherrscht von der Angst eines Morgens in den Spiegel zu schauen und wieder sein vernarbtes Gesicht vor sich zu haben entwickelt er Warnvorstellung. Ständig glaubt er Julie zu sehen, niemandem will er mehr trauen. Dreht David durch oder ist er wirklich, wie er glaubt, ein Opfer einer Intrige der sieben Zwerge?
******************Achtung, leichte Spoiler******************
Interessante ausländische Stoffe haben Hollywood schon seit langem immer wieder dazu gebracht amerikanisierte Remakes zu drehen, die meistens weit hinter den Originalen zurück blieben. "Vanilla Sky" ist eine Neuauflage des spanischen Films "Open Your Eyes" von 1997, dem Debütfilm des Regisseurs Alejandro Amenabar. Der gab anscheinend Produzent und Hauptdarsteller Tom Cruise die Rechte an dem Stoff und bekam zum Dank die finanzielle Absicherung für sein neues Projekt, den Geisterthriller "The Others". Auch Cameron Crowe, der nach seinem künstlerischen wie kommerziellen Erfolg mit "Almost Famous" nahezu Narrenfreiheit genießen dürfte, hat sich anscheinend nach so einem Stoff die Finger geleckt und da er und Cruise seit "Jerry Maguire" erneut zusammenarbeiten wollten, schien ihre gemeinsame Stunde gekommen zu sein.
Problematisch an der Leitung durch Crowe bleibt jedoch, dass dieser sehr schöne Bilder zaubern kann, diese jedoch von Crowes blühender Phantasie normalerweise leben. Dadurch wirkt "Vanilla Sky" oftmals als würde sein Regisseur die ganze Zeit sich fragen, warum er nicht mal solche Ideen hat und sie statt dessen von anderen klauen muss. Das ändert aber auch nichts daran, dass "Vanilla Sky" eine sehr ungewöhnliche und intensive Filmerfahrung ist, manchmal jedoch auch eine nervige. Crowe und Cruise experimentieren mit ihrem Publikum, lassen den Zuschauer fast zwei Stunden im Unklaren darüber in was für einem Film er da eigentlich sitzt. Love-Story? Psycho-Thriller? Drama? Philosophischer Pseudo-Quark? Von allem etwas, dass sich jedoch am Ende durch einen sehr ungewöhnlichen Clou zu einem Ganzen vermengt und als eine Art Gesellschaftsdrama mit Anleihen bei "Total Recall" und "Matrix" daherkommt. Zwei Filmtitel, die doch eigentlich gar nicht zu diesem Film, der ohne Sci-Fi und Action auskommt, passen wollen. Doch alle drei handeln vom gleichen Thema, dem Spiel mit Raum, Zeit, Wirklichkeit und Illusion. Dem Zuschauer wird bei "Vanilla Sky" schnell bewußt, dass er sich entscheiden muss. Soll er Davids Sichtweise der Geschehnisse folgen und an ein rationales Intrigenspiel glauben, oder soll er den Charakter des David Ames besser als ein psychisches Wrack interpretieren, dem nicht mehr geholfen werden kann. Das witzige ist jedoch, dass egal welchen Interpretationsweg man wählt, man nicht bei der im Film vorhandenen Auflösung ankommt. Gerade die Abwegigkeit macht das Ende so bemerkenswert, obwohl es zumindest in der amerikanisierten Fassung nicht ganz ohne den Hauch von Lächerlichkeit auskommt.
Nachdem man die erste Euphorie wegen dem ungewöhnlichen Schachzug am Ende runtergeschluckt hat bleibt von "Vanilla Sky" jedoch leider weniger übrig als erwartet. Die meisten Darsteller wirken fehl besetzt, obwohl keiner seine Sache auch nur annähernd schlecht macht. Vor allem das weibliche Gespann Cameron Diaz/Penelope Cruz fällt aus der Rolle, ihre Figuren bleiben dermaßen blaß, dass es schon keinen Spaß mehr macht. Cameron Diaz darf nur psychotisch-verzweifelt sein oder ihr Image als Sex-Bombe auskosten, Penelope Cruz hingegen schafft es nicht ihrem Charakter eine Note zu verleihen, die Davids ungewöhnliche Liebe zu Sofia erklärbar macht. Ihre Figur ist zwar sympathisch, aber keineswegs interessant. Cruise selber zeigt Mut zur Demontage, so läuft er doch den halben Film verkrüppelt und entstellt durch die Gegend, von seinem Schönling-Image bleibt hier nichts übrig, dabei wirkt er jedoch anfangs, wenn man den ersten Schock verdaut hat, zumindest für einen Moment nicht minder lächerlich wie Tom Hanks als man ihn erstmals in "Cast Away" mit Rauschebart sah. Das scheint jedoch mittlerweile ein ganz normaler Effekt zu sein, den man kaum vermeiden kann, so schafft es Tom Cruise erneut seinem Bild als Charakterdarsteller ein Stück hinzuzufügen. Den einzigen wirklich überzeugenden Part hat jedoch ein Schauspieler, der in der Versenkung verschwunden schien und der von der Kritik auch in diesem Film wohl kaum bemerkt werden dürfte: Kurt Russell, der als liebenswerter Psychiater eine äußerst doppelbödige Glanz-Vorstellung abliefert.
Problematisch zeigt sich die Länge des Films, so ist das ständige abwechslungsreiche Liebesgeplänkel zwischen David und Sofia zwar für die Entwicklung der Geschichte nötig, aber dennoch keineswegs fesselnd. Auch, dass ein großer Teil des Films immer in den gleichen Räumen spielt und diese Sequenzen nichts anderes als reines Dialogspiel um Liebe, Glück, Intrige, Geld und Sex auszusagen haben erweist sich ohne den beklemmenden Bezug, den das Finale herstellt, als nicht gerade spannungsfördernd. Auch inhaltlich leidet der Film darunter, so scheint es doch die ganze Zeit, als wolle sich der Film einfach nicht auf Genre und Thema festlegen.
"Vanilla Sky" ist äußerst ungewöhnliches und auch verstörendes Kino, aber kaum das, was die Zielgruppe, Tom Cruise- und Cameron Crowe-Fans, erwartet, es ist kein zweiter "Jerry Maguire". Gesehen haben sollte man ihn, "Vanilla Sky" ist überragendes Kino, hat aber trotzdem keine Highlight-Qualitäten, woran aber auch die nicht funktionierende Symbiose aus der recht europäischen Storyline und dem typischen Cameron Crowe-Style aus sehr detailierten Bildern und grandiosem Soundtrack, der übrigens eine geniale Mischung der verschiedensten Stilarten präsentiert, mit Schuld ist, zu sehr merkt man, dass dies nicht Crowes eigener Stoff ist. Wer empfänglich für ungewöhnliche Filme ist sollte die Konfrontation nicht scheuen, auch wenn eine endlose "Über den Film"-Nachdenkphase folgen könnte. [srs]
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