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Moulin Rouge

(Moulin Rouge; USA/AUS, 2001)

Im dunklen, kargen Raum sitzt Christian (Ewan MacGregor) allein dar – abgemagert, ungepflegt, verbittert. Vor einem Jahr war er noch glücklich, voller Idealismus wie Naivität. Doch nun weiß er wie schön, aber auch wie grausam das Leben sein kann. Er liebt, aber seine Liebe kann ihn nicht mehr lieben, sie ist tot. Christian setzt sich an die Schreibmaschine und beginnt seine Geschichte nieder zu tippen...
Es ist 1900 und die Weltstadt Paris besteht aus zwei Seiten, zum einen dem blühenden, reichen Leben, zum anderen aus dem Elendsviertel, wo Mord und Totschlag, Diebstahl und Prostitution regieren. Ein Ort jedoch kann diese beiden Seiten auf ungewöhnliche Art verbinden: der Nachtclub Moulin Rouge, ein Musikhaus, ein Tanzlokal und auch ein Bordell. Hier erblüht die Kunst, kreative Taugenichtse können sich hier ausleben und zeigen, dass sie keineswegs so wertlos sind wie die Gesellschaft sie sieht. Hier vergnügt sich die Oberschicht mit den hübschesten Mädchen der Armen. Unter der Leitung des alternden Harold Zidler (Jim Broadbent) wird hier jeden Abend getanzt, gefeiert und geliebt auf zügellose Weise. Das Moulin Rouge, die Heimat des umstrittenen Cancan-Tanzes, nach außen hin von allen abgelehnt, doch wenn keiner hinschaut geht jeder hin. In diese Welt stolpert der junge Christian, Sohn reicher Eltern, der jedoch seine eigene Vorstellung von Leben durchsetzen will. Für ihn gibt es nur zwei Lebensinhalte, die Schriftstellerei und seine Liebessehnsucht. Und genau über die will er auch schreiben, er weiß nur nicht wie, denn Christian hat noch nie geliebt. Das soll sich jedoch bald ändern, denn als sein Nachbar erweist sich der kleinwüchsige Dichter und Schausteller Toulouse-Lautrec (John Leguizamo). Der arbeitet grade an einem Musical für das Moulin Rouge, kommt jedoch nicht weiter. Christian wird zu seiner Rettung, er erweist sich als äußerst talentiert und liefert ihm Ideen. Dafür wird Christian in die Zwischenwelt eingeführt. Er erlebt die Kraft des Moulin Rouge, die er bald mit seinen eigenen Idealen von Freiheit, Wahrheit, Schönheit und Liebe verbindet. Und er lernt Satine (Nicole Kidman) kennen, den schönen Star des Moulin Rouge, eine Kurtisane, die bereits von Ziegler zu dem erzogen wurde was sie nun verkörpert, eine Frau die nur auf Geld aus ist. Doch auch Satine träumt von der Liebe, ihrem einzigen Verbot. Ein verhängnisvoller Zufall läßt sie glauben, dass Christian der vermögende Duke (Richard Roxbaugh) ist, der das Stück Lautrecs finanzieren und damit aus dem Moulin Rouge ein angesehenes Theater machen soll – und Satine zur richtigen Schauspielerin. Als das Missverständnis aufgedeckt wird ist es um Christian wie Satine bereits geschehen – sie sind verliebt, eine Liebe die niemals zu Ende gehen würde wenn nicht der rachsüchtige Duke noch wäre. Dieser glaubt sich als er die Affäre seiner ebenfalls angebeteten Satine entdeckt, betrogen und fordert das, was ihm laut Vertrag mit Ziegler gehört: die Zukunft mit Satine. Weder er noch Christian ahnen jedoch etwas von der grausamen Krankheit die Satine hat...

Baz Luhrman ist wie Quentin Tarantino, er klaut bei anderen. Während jedoch der „Pulp Fiction“-Regisseur es auf die Klassiker des Western, des Thrillers und des B-Movies abgesehen hat beschäftigt sich der Australier Luhrman lieber mit Möglichkeiten der Kunst , mit der modernen Pop-Musik und mit Stilmitteln des Theaters. Schrill sind seine Filme, schrill und berauschend. Bereits mit „Romeo und Julia“ legte der Regisseur eine radikale Neuinterpretation des Stoffes vor. Shakespeare auf Drogen und doch absolut dicht am Stoff. Und so ist auch „Moulin Rouge“ schnell, gewagt, symbollastig bis zum Erbrechen und einfach wunderschön. Im Mittelpunkt des Films steht die Liebe, sein Filmpaar Christian und Satine ist Romeo und Julia sehr ähnlich, auch wenn sie die Teenager-Liebeleien der beiden längst überwunden haben müßten. Romeo-Äquivalent Christian ist auch naiv und gutgläubig – und auf der Suche nach der Liebe. Und so ist seine Bindung zur schönen Satine nicht minder zart und feinfühlend wie die von Romeo zu Julia, nur mit dem Unterschied, dass der weibliche Charakter nicht unbelastet ist. Satine, die nur gelernt hat für Geld ihren Körper her zu geben, glaubt nach außen hin nicht an die Liebe und verzehrt sich doch innerlich so sehr nach ihr. So finden sich zwei Menschen die gar nicht anders können als nicht mehr von einander zu lassen – und das mit hoher Intensität. Doch dass ist nicht das eigentliche Subjekt des Films, dass sind Tanz und Musik, denn Moulin Rouge ist ein Musical. Aber eines, dass die gewohnten Wege des in den 50er und 60er Jahren populären Genres völlig verläßt und so natürlich völlig neue Impulse verdeutlicht. Luhrman läßt seine Charaktere ganz neue Melodien mit Ohrwürmern der 80er und 90er mischen und sie auf neues Weise dem Zuschauer vortragen. Da mischt sich The Police mit Madonna, da folgt auf den Rhythmus Marilyn Monroes das harte Gemetal von Nirvana. Eigentlich eine seltsame Art an ein Musical heranzugehen, dass um 1900 spielt, jedoch gerade dies läßt den Film niemals langweilig werden, selbst wenn man nichts über hat für Musicals.
Bildlich sieht es auch nicht anders aus. Luhrman zitiert quer durch Surrealismus und Expressionismus und greift dafür auf die Filmmethoden jener Zeit zurück, grade wie sich in Frankreich entwickelt wurden. Altmodische Stop-Motion-Technik außerhalb des Theaters, die in kargen Brauntönen vorgeführt wird entwickelt den richtigen Kontrast zum äußerst bunten Moulin Rouge und zu dessen effektvoll schnell geschnittenen Tanz-Sequenzen, so dass eine perfektionierte Mischung aus Film und Theater entsteht. Luhrman, der eigentlich vom Theater kommt, weiß wie er seine Visionen verwirklichen kann – und das wohl mit recht einfachen Mitteln. Und er weiß, dass er mit seiner ja bereits tausendfach erzählten Geschichte den Bildern nicht in die Quere kommen kann, so trennt er gekonnt Musical- und Dialog-Sequenzen, solange gesprochen wird bleibt der Film auch in seiner Inszenierung ruhig.
Als Glücksgriff erweist sich die Besetzung. Nicole Kidman und Ewan MacGregor beweisen nicht nur, dass sie großartige Schauspieler sind, sondern auch musikalisches Talent haben. Besonders Nicole Kidman erweist Popstar-Qualitäten, MacGregor hingegen zeigt sich für den klassischen Sektor eher prädestiniert. Doch auch die Nebendarsteller können überzeugen. John Leguizamo, diesmal als Zwerg, ist immer noch in Erinnerung als böser Tybald in „Romeo und Julia“, hier zeigt er die komplette Kehrtwendung. Jim Broadbent und Richard Roxbaugh überzeugen als gegensätzliches Paar, der eine aufstrebender Unterweltler, der andere ein eitler Adliger, der sich mit der Unterwelt vermischen will, beide zum Scheitern verdammt.
Schon lange wurde das Kino in einem Film nicht mehr so perfekt neu erfunden. „Moulin Rouge“ ist ein wahres Panoptikum der Film-Metaphern, dem man jedoch kaum anmerkt, dass auch hier nur aus anderen Bereichen zusammen getragen wird. Problematisch bleibt jedoch, dass die Genialität der Art wie Luhrmans Filme dreht sich in diesem Fall nur einem wenigstens ansatzweise intellektuellen Publikum wirklich offenbart, zu wild und verschroben erscheint er für das Mainstream-Publikum des 21.Jahrhunderts. Spätestens dann wenn Christian und Satine riesengroß über die Pappdächer der Pariser Häuser tanzen und der Mann im Mond sie fröhlich anlächelt dürfte dem Kulturbanausen es reichen, die Verweise zu verstehen ist nicht immer leicht. Aber auch das ändert nichts daran, dass „Moulin Rouge“ ein Meisterstück, ein Kunstwerk ist, für das Baz Luhrman fraglos den Regie-Oscar verdient hat. Von der Bilderflut berauscht läßt der Film den Zuschauer zurück mit einer Lust diesen Film immer und immer wieder sehen zu wollen, allein um Ewan MacGregor erneut „Your Song“ singen zu hören und Satine mit den Texten von den Beatles, U2, Joe Cocker oder Whitney Houston davon zu überzeugen, dass seine Liebe aufrichtig ist.
Etwas störend sind im Kino jedoch die deutschen Untertitel in den Musical-Sequenzen. Die lenken nämlich doch extrem von den durchkomponierten Bildern ab. Aber so ist es immer noch besser als hätte man versucht die Songs Disney-like zu synchronisieren. Aber dafür kann der Film ja nun wirklich nichts. „Moulin Rouge“ ist und bleibt perfektes Kino, dass in vollendeter Form eine eigene Welt erschafft. Eine Welt, die Kitsch, Tragik und Humor zwar zelebriert, aber nie überzieht oder störend macht.

[srs]