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Hostel
(Hostel; USA, 2005)
Manche Filme versuchens auf die brachiale Art. Und mit Erfolg. Da muss nur ein „Quentin Tarantino presents“ draufstehen, schon denkt die halbe Welt, dass es sich um den neuen Film des „Pulp Fiction“-Regisseurs handelt. Zusätzlich wird auf dem Plakat dann noch jemandem eine rotierende Bohrmaschine in den Mund gehalten, schon ist die Gewaltorgie klar definiert. Brachialität hat sich im Tarantino-Look in den letzten zehn Jahren immer gut verkauft und anders läufts mit der Low Budget-Groteske „Hostel“ auch nicht. Dadurch wird der Zuschauer auf ein Splatter-Feuerwerk vorbereitet, dass schließlich nur in groben Zügen stattfindet. Untergehen tut dabei aber, dass „Hostel“ nichts anderes als ein grandios-trashiger Zynismus auf die amerikanische Sichtweise des European Way of Life ist.
Schule aus, das College wartet. Aber noch einmal will sich der Californian Boy Paxton (Jay Herandez) gehörig die Hörner abstoßen und so reist er mit seinem etwas biederen Kumpel Josh (Derek Richardson) nach Europa, immer auf der Suche nach Fun, Koks und weiblichen Genitalien. Unterwegs gabeln sie den nicht minder Party-süchtigen Isländer Oli (Eythor Gudjonsson) auf, zu dritt landen sie in Amsterdam, schlagen sich durch Kneipen, Disco und Puffs, lassen keine Gelegenheit aus die Einheimischen zu beleidigen und müssen schließlich Zuflucht suchen bei einem abgedrehten Slowaken. Der empfiehlt ihnen nicht nach Spanien, sondern in die Slowakei zu reisen, wo es prozentual viel zu wenig Männer gibt und die unglaublich hübschen Mädels süchtig sind nach amerikanischem Sperma. Das lassen sich die Potenzprotze nicht zweimal sagen und machen sich auf in die Provinz. Dort angekommen in einem schmucken Hostel werden sie auch gleich begrüßt von drei nimmersatten Schönheiten, die erst mit ihnen feiern und sich dann heftigst vernaschen lassen. Am nächsten Morgen ist Oli jedoch verschwunden, laut einer Handynachricht ist er mit der japanischen Backpackerin von nebenan durchgebrannt. Paxton und Josh glauben nicht an diese Version, ihre Suche ist jedoch vergebens und so soll Abend Nummer 2 doch werden wie Abend Nummer 1. Paxton landet jedoch in der Kneipenabstellkammer und kann zu seinem nächsten Schäferstündchen nicht auftauchen. Als er sich befreien kann ist schon wieder Tag und auch Josh ist weg. Paxtons Suche führt ihn auf ein vermodertes Fabrikgelände, wo eine unüberschaubare Bande osteuropäischer Stiernacken mit großkalibrigen Kanonen damit beschäftigt ist Touristen zu verschleppen und sie an perverse Reiche zu verkaufen, die sie in den zellenartigen Kellergewölben dann nach Herzenslust in Einzelteile zerlegen können. Auch Paxton landet schließlich in einer der Kammern...
Vor einigen Jahren machte die Tarantino-Produktion „From Dusk till Dawn“ Furore, da sie mitten drin ihre gesamte Struktur umkippte. Aus einem Gangsterkrimi und Road Movie-Mix wurde ein bluttriefendes Vampir-Gemetzel mit deftigen Splattereinlagen und viel schwarzem Humor. „Hostel“ ist da sehr ähnlich, er fängt an als groteske Sex-Klamotte, als überdrehte Version von „American Pie“. Und dann kippt er in einen grausamen Folterfilm, der sich ansatzweise auch mit menschlichen Abgründen beschäftigt, nicht so sehr, dass er sein Publikum verwirren könnte, die an der ersten Hälfte ihren Spaß hatten. Der Rhythmus stimmt genauso wie die Zweischneidigkeit des Films. Es geht hier weder um Sex, noch darum blutige Foltereinlagen zu präsentieren. Regisseur Eli Roth greift die amerikanische Sichtweise auf die Welt an, indem er zwei junge Männer vorführt, die in dem Glauben erzogen wurden, dass sie unantastbar sind und sich notfalls auch aus jeder Situation freikaufen können. Für den Protagonisten Paxton ist die Erkenntnis, dass er wegen seiner Staatszugehörigkeit noch mit wesentlich weniger moralischen Bedenken über die sprichwörtliche Klinge gesprungen werden soll grausiger, als das Bild vom Lederschürze tragenden Folterknecht vor ihm, der schon mal die Kettensäge in Fahrt bringt.
Eli Roth musste sehr viel Kritik für seine Darstellung Osteuropas einstecken und sich auch gefallen lassen, dass er Ängste schüren würde. Da ist etwas dran, schließlich hätte er seinen Stoff zumindest formal auch in der debilen amerikanischen Provinz spielen lassen können, doch wäre sein Film dann nicht anderes als eine weitere Neuauflage des „Texas Chainsaw Massacres“ gewesen. Roth will mehr, so sind seine übersteigerten Darstellungen von Land und Leuten – ob nun die stummen Killer oder auch die Kinderbande, die für Kaugummis mordet – im Endeffekt doch eine gesellschaftliche Anklage gegen die Dummheit der eigenen Bevölkerung, dass sie überhaupt so naiv wären sich in solche Situationen bringen zu lassen. Die Amerikaner werden hier als Schwachköpfe präsentiert, deren Hirne schnell in die Hose rutschen und die man mit Leichtigkeit abmurksen kann, von ihren eigenen Sichtweisen nicht abzubringen, auf andere Kulturen mit Unverständnis reagierend. Man wird das Gefühl nicht los, dass diese Jungs es schon wegen ihrer penetranten Ignoranz eigentlich verdient haben zu sterben. Genauso übersteigert sind dann aber auch die slowakischen Figuren: die Frauen schön, aber eiskalt und ohne jede Moral, die Männer bärig bis hässlich, wortkarg und gewalttätig. Ein Volk wie ein Hölleninferno. Ein Klischee wird hier an das nächste gereiht, solange bis das Publikum sich in zwei Lager spaltet: die einen, die die Satire in dem Scharmützel erkennen, die anderen, zu denen wohl auch Paxton und Josh gehören würden, die die Klischees als Realität annehmen und nur auf die Blutfontäne warten um sich an dieser zu ergötzen. Die fällt jedoch recht einfach aus: ein paar zerschnittene Sehnen, abgeschnittene Finger, ein heraushängendes Auge, einzelne Körperteile die herumfliegen. Der Film hat Ekelbilder, die vor allem durch ihre Rohheit im Kopf bleiben, gemessen an dem erwarteten Blutgehalt fällt die Folterorgie jedoch noch recht zahm aus.
Leider hält Roth sein „Wir machen uns über die Doofheit der amerikanischen Jugend lustig“-Programm nicht durch. Körperlich versehrt aber mit eisernem Überlebenswillen darf der Boy Soldier sich als Retter erweisen, sich durch die Reihen der Feinde schlachten soweit es realistisch möglich ist und schließlich sogar brachialste Rache üben. Gebrochen wird das sehr ernste Final-Intermezzo durch die Kleinigkeiten, die zumindest dem deutschen Zuschauer auffallen. Wenn ein Prager Bahnhof als deutscher Bahnhof dienen soll, aber der Wiedererkennungswert nicht nur gleich Null ist sondern es vor den übelsten Rechtschreibfehlern nur so wimmelt, bleibt da nur der Gedanke übrig, dass dies unfreiwilliger Humor sein dürfte. Soviel Unkonventionalität, dass diese absolut danebengegangene Set-Recherche Absicht ist um die Grausigkeit der letzten 15 Minuten zu unterlaufen, will man Regisseur Roth dann doch nicht unterstellen.
„Hostel“ ist ein Film, der den wenigsten wirklich schmecken kann. Die Gorehounds befriedigt der Streifen nicht wirklich, da die Erwartungen durch die Werbung zu hoch gesteckt wurden. Das Standardpublikum kann mit der Mischung nichts anfangen und denkt nicht weiter drüber nach, um sich zumindest unterhalten zu fühlen. Übrig bleibt da nur die kleine Schicht der Zuschauer, die zwischen dem ganzen Gepoltere die durchaus schlauen Anliegen des Films, auch wenn sie unter den Schlägen des Holzhammers recht matschig sind, verstehen und trotz des aufgesetzten, aber unterhaltsamen Finales noch ein Weilchen was zum Grübeln haben. [srs]
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