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The Virgin Suicides
(Virgin Suicides, The; USA, 1999)
Die Lisbons sind ein langweilig-spießiges Ehepaar, er ein unauffälliger Mathematiklehrer, sie treusorgende Hausfrau mit religiöser Ambition – ihr Leben ist ein typisches amerikanisches Vorstadtleben der 70er Jahre – und das einzige, was ihrem uninteressanten Haushalt den Glanz des Besonderen verleiht, sind ihre fünf Töchter – allesamt blonde Schönheiten, die auf die pubertierenden Jungs der Nachbarschaft eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben – vor allem nachdem sich die jüngste, Cecilia, aus ihrem Fenster stürzt und durch die Eisenspitze des Gartenzauns, auf dem sie aufschlägt, während der ersten und letzten Teenager-Party, die im Lisbon-Haus veranstaltet wird, einen frühen und rätselhaften Tod findet. Angeführt vom Mädchenschwarm Trib Fontaine dringen die ersten männlichen Verabredungen in das abgeschirmte Intimleben der heiß begehrten Mädchen vor, aber schon kurze Zeit nach dem ersten Selbstmord, nehmen sich auch die vier übrig gebliebenen Schwestern gemeinsam das Leben. Eine Tat, die wieder niemand versteht...
Sofia Coppolas Regiedebüt ist ein merkwürdiger Film geworden, der uns einiges abverlangt, der die Kritiker wiederholt jubilieren läßt, der sie aber auch in vages Schwafeln bringt, wenn man sie fragt, worum es hier eigentlich geht. „Love, Sex, Passion, Fear, Obsession – ein zärtliches und erotisches Geheimnis“ – behauptet der Verleih lächerlicherweise und verurteilt schon jetzt Scharen von Zuschauern, deren Lolita-Gelüste durch derart raffinierte Werbung und Kirsten Dunsts bezauberndes Konterfei auf dem Plakat gehörig stimuliert wurden, zu verständnisloser Enttäuschung. Die Erotik dieses Streifens ist tatsächlich raffiniert, denn sie erscheint auf der Leinwand nur als irritierende Pubertätsvorstellung, sie wird gewünscht und als Wunsch in David-Hamilton-Manier ausillustriert – die Lisbon-Schwestern sind Objekte sinnlicher Projektionen , sie werden angeschaut, betrachtet, beobachtet, bespannt, man spricht über sie, selten mit ihnen, man denkt sich Geschichten über sie aus, aber man kennt sie eigentlich gar nicht. Die Nachbarsjungen wissen nichts über sie, ihr Priester ebenso wenig, nicht einmal ihre Eltern – und ganz bestimmt auch nicht Trib Fontaine, dem es schließlich gelingt, einer von ihnen, im Schlamm des Footballfeldes, die Unschuld zu nehmen.
Das ausgeklügelte Konzept des Films besteht darin, daß er uns eine ungeheure Familientragödie erzählt – ohne sie uns zu erzählen. Der Zuschauer kann sich den Schwestern nur von außen nähern, das Innere der Mädchen ist zu keiner Zeit einsehbar – ja, selbst irgendeine ansatzweise klärende Charakterisierung bleibt aus. Statt dessen aber serviert uns Sofia Coppola eine Fülle von scheinbar völlig unwichtigen Details, gleitet ihre Kamera mit staunenden Augen über die banalen Gegenstände des Alltags. Die Sensationen ihres Films sind Tamponpackungen, Parfumflakons, vollgekritzelte Zettel, Strumpfhosen über einem Treppengeländer – und The Virgin Suicides ist wirklich fantastisch in diesen Szenen, in denen das Triviale eingefangen wird – immer über den Blick eines Betrachters. Mit leiser gestalterischer Virtuosität entwirft die Regisseurin die Äußerlichkeit der Teenagerwelt – nostalgisch und schwelgerisch, mit feinstmöglicher Ironie, liebevoll und schließlich – mehr und mehr – beklemmend. Was uns hier vorgeführt wird, ist die Hölle des Nichtverstehens, und in der Intensität mit der dieser Zustand durch jedes einzelne Bild wieder und wieder bis zur Unerträglichkeit vorgeführt wird, verdichtet sich der Film dann auch tatsächlich zu einer wahrhaftigen Zustandsbeschreibung jener berühmt berüchtigten, meistens belächelten Scheidezeit des Lebens: der Pubertät und dem sie kennzeichnenden Gefühl orientierungsloser Verlorenheit.
Das Unterfangen, eine allgemeingültige Adoleszenzgeschichte zwischen erschreckend inkompetentem Elternhaus und angstvoll herbeigesehnter sexueller Initiation zu erzählen und zwar unter Verzicht auf jede Psychologie, ist mehr als ehrgeizig – das Ergebnis ist nicht ohne Längen, aber hinreißend noch in seinen verstörendsten Momenten und höchst bemerkenswert durch seine selbstbewußte Feststellung, daß ein Film, wenn er zum Thema ein Rätsel wie die Pubertät hat, eben selbst ein Rätsel bleiben muß. [am]
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