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Before Sunset

(Before Sunset; USA, 2004)

Das Ende kommt plötzlich, aber an genau der richtigen Stelle. Die Sonne ist grade untergegangen und meine Gedanken über diesen Film plätschern erstmal in alle Richtungen. Nach 80 Minuten Dialog zwischen einem Mann und einer Frau, die die ganze Zeit nur durch die Gegend rennen, bin ich auf eine seltsame Weise zwiegespalten – und auch ziemlich desillusioniert. Neun Jahre ist es her, dass man Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) schon einmal begegnen konnte, zwei sich fremden jungen Menschen, die sich in einem Zug nach Wien begegneten, kennen lernten, den Tag miteinander verbrachten – und die Nacht, eine Nacht, die sie in ihrer filmischen Fiktion für den Rest ihres Lebens bestimmen wird. Nun treffen sie sich wieder, die Romantik ist tot, die Realität hat Einzug gehalten, ohne dass sie es wirklich wahr genommen haben, bis es schließlich zu spät war - die beiden sind erwachsen geworden.

Für jeden, der sich mit „Before Sunrise“ 1995 identifizieren konnte, wird der Film kein leichtes Unterfangen sein. Denn das, was hier passiert ist einerseits wunderschön, aber andererseits auch tief traurig – und weit weg von jeglichen Hollywood-Klischees, die je über die Liebe und ihre Folgen verbreitet wurden. Jesse ist ein erfolgreicher Roman-Autor, Celine eine politische Aktivistin. In seinem Buch hat Jesse die nie vollzogene Liebe zu Celine verarbeitet – und findet sie so wieder. Beide haben ihre Träume verloren, beide leben in nur scheinbar glücklichen Beziehungen und sehr schnell wird klar, dass man sich regelrecht wünscht, dass die beiden endlich diese verpasste Gelegenheit auf die vielleicht vorhandene eine wahre Liebe nachholen. Doch um diese Frage, die sie nur zaghaft aneinander richten, weil keiner es wirklich aussprechen will, zu beantworten bleibt nur wenig Zeit, denn Jesse ist auf dem Weg zum Pariser Flughafen, um zurück in die Staaten zu fliegen, nachdem er in Paris eine Lesung gehalten hat. Alles was bleibt ist der Moment für den Kaffee, einen kurzen Spaziergang und eine Schiffstour auf der Seine. Sie reden über ihr Leben, über ihre Ansichten, über Sex, über die Welt. Genauso wie im Vorgänger. Doch so vieles hat sich verändert, die Welt der beiden ist dieselbe, aber nicht mehr dieselbe wie ein Jahrzehnt zuvor.

Vielleicht ist „Before Sunset“ das, was die Welle von Generation X-Filmen, größtenteils vergeblich, Anfang der 90er sein wollte. Denn der Film setzt sich glaubhaft mit dem Gefühlschaos auseinander, dass man in der Phase zwischen 20 und 30, fast könnte man von einer Post-Pubertät sprechen, durchleben und durchleiden kann, jedenfalls wenn man zur Identifikation mit den Protagonisten neigt. Wer erinnert sich nicht teils mit Wehmut, teils mit Abscheu an die Fehler, die man in seiner Jugend gemacht hat, und wer bereut es nicht jemanden einmal gehen gelassen zu haben?

Regisseur Richard Linklater hatte immer ein grandioses Gespür für realitätsnahe Charaktere und Probleme. „Before Sunrise“ war wohl bis dato sein persönlichstes Werk, nun ist es jedoch „Before Sunset“. Nach allem Hinterfragen ihrer Leben grenzt Linklater den Zuschauer vor Beantwortung der alles entscheidenden Frage, ob Jesse und Celine nun endlich zueinander finden, mit dem Ende aus. Offen lässt er es, denn wie es scheint weiß er selber noch nicht wie es endet. Dies gibt nach all der Desillusionierung der Jugendträume und guten Absichten zwar für einen Moment Mut, aber bei näherer Betrachtung kommt man zu einem eher missmutigen Ergebnis: das Happy End ist doch eigentlich recht fern. Und: wenn es für Fiktionen wie Celine und Jesse selbst unwahrscheinlich ist ihr Leben hinter sich zu lassen und glücklich zu sein, wie soll dies dann in der Realität stattfinden können? Ob der Film nun ein Abgesang auf die wahre Liebe oder eine Aufforderung an alle Romantiker ist, diesen Sinn nicht zu verlieren, ist rein subjektiv.

Filmisch gesehen bietet „Before Sunset“ auf den ersten Blick nicht viel. Unspektakulär folgt die Kamera die ganze Zeit über Jesse und Celine, zeigt sie von vorn, blickt über ihre Schultern und man hört sie reden, reden, reden. Doch was sie reden ist so interessant, so spannend, so vielseitig, teilweise auch so zynisch, dass der Film niemals langweilt. Hilfreich ist dabei natürlich auch die Spontaneität und Ausgelassenheit der Darsteller, die ihre Rollen zu leben scheinen. Das kleine Wunder dieses Films ist seine inhaltlich wie formale Geschlossenheit – und nebenbei schafft er es sein nicht grade leichtes Thema äußerst beschwingt und unaufdringlich zu verpacken. „Before Sunset“ ist einer der Gedanken anregendsten Filme der letzten Jahre. Dadurch hat er sich noch nicht die Höchstnote verdient, aber dadurch, dass das Script-Trio Linklater, Hawke und Delpy ihren Figuren durchaus Zweigesichtigkeit verpasst, die in den Dialogen immer wieder durchschimmert, und wohl erst beim wiederholten Anschauen entschlüsselt werden kann. Ein äußerst diskussionswürdiger Beitrag zum Thema, was ist Liebe – und wie?

[srs]