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Harry Potter und der Gefangene von Askaban
(Harry Potter and the Prisoner of Azkaban; USA, 2004)
18 Monate hat es diesmal gedauert, kein Blockbuster-Stechen im Jahr 2003 zwischen dem Herrn der Ringe und dem Herrn des Zauberstabs. Harry Potter beglückt die Leinwand zum dritten Mal erst im Sommerloch 2004. Aber eines muss man doch gestehen: die Spannung ist größer als beim letzten Teil, den der dritte Teil verspricht mehr. Nicht nur, weil die Romanvorlage von J.K. Rowling von vielen der unzähligen Fans bis heute als der Beste der Potter-Romane gilt, sondern auch weil Chris Columbus den Regiestuhl an den Mexikaner Alfonso Cuaron übergeben hat. Columbus Filmversionen der Potter-Romane waren schwere, Hollywood-lastige Geschütze, die mit viel Bombast auf die Vermarktung der Figuren zielten, fraglos schön bunt anzusehen, aber doch recht leer und ohne den Charme, dem die Bücher ihren Ruhm verdanken. Bei Columbus durfte man jedoch auch nichts anderes erwarten, schließlich ist der Mann im Mainstream groß geworden. Umso überraschender ist doch die Regie-Neuplazierung mit dem doch eher gewöhnungsbedürftigen Cuaron, der in Hollywood doch nur mit seiner Version von Dickens „Große Erwartungen“ vertreten war, im Blockbusterkino jedoch nicht mal ansatzweise auftauchte. Der internationale Kritikererfolg seines letzten Films „Y tu mama tambien“, einer leicht grotesken Erzählung über das mentale wie sexuelle Erwachsenwerden einiger Teenager während eines Road Trips, öffnete ihm trotzdem den Weg zu Harry Potter. Über Gründe kann man nur mutmaßen, aber zwei Punkte sind doch deutlich: zum einen handelt auch der dritte Harry Potter-Roman vom entsprechenden Erwachsenwerden der Hauptfiguren, was aber wahrscheinlicher ist, ist dass Autorin Rowling immer den Film „A Little Princess“ als ihren persönlichen Lieblingsfilm benannte – und mit dem gab Cuaron 1995 sein internationales Kinodebüt. Egal wer nun einen Außenseiter wie Cuaron auf den Regiestuhl platziert hat, es war die richtige Entscheidung. Denn es erwartet einen diesmal ein „Harry Potter“, der auf mehreren Ebenen funktioniert, und nicht mehr nur auf der des sterilen Blockbusters.
Die Story ist mystisch wie immer: aus dem Zauberergefängnis von Askaban ist der böse Sirius Black (Gary Oldman) entkommen. Der trachtet Harry Potter (Daniel Radcliffe) nun vermutlich nach dem Leben, denn Harry war verantwortlich für das Scheitern des grausigen Lord Voldemort und diesem unterstand Sirius Black. Dazu kommt noch, dass Black einst der beste Freund von Harrys Vater war und diesen an Voldemort verriet, wodurch Harrys Eltern erst von diesem umgebracht werden konnten. Der Grundplot deutet bereits ein Finale an, dass vom Duell zweier Hasserfüllter Kontrahenten bestimmt sein dürfte, die nicht eher ruhen werden, bis einer das Zeitliche gesegnet hat. Ganz so verläuft es jedoch nicht. Harry zur Seite steht diesmal der etwas verschrobene Lehrer Lupin (David Thewlis), der die Schüler in Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet. Auch er war ein Freund von James Potter, auch er weiß mehr, als er zugibt und auch er hat ein sehr düsteres Geheimnis.
Und genau diese düsteren Geheimnise setzt Cuaron in den Mittelpunkt und inszeniert den neuen „Harry Potter“ nicht als lustige Berg- und Talfahrt, sondern als durchaus vielschichtigen und düsteren Bestandteil der Geschichte wie sie in den Büchern ist: nachdenklich, manchmal ironisch, detail- wie liebevoll, spannend und oftmals auch anspruchsvoll. Die ach so niedlichen Fabelwesen halten sich in seiner Inszenierung im Hintergrund, stattdessen setzt er vielfach auf Naturaufnahmen und die Präsenz seiner fleischlichen Schauspieler, genauso aber auch auf ein eher auf kühle Farben fixiertes Farb- und Lichtkonzept, welches oftmals für eine bedrohliche Atmosphäre sorgt. So gibt es diesmal viel weniger Effektschlachten und dafür mehr Dialogsequenzen als sonst. Cuaron wollte keinen schicken Film drehen, sondern einen mit Seele. Dadurch entsteht eine ganz andere Sichtweise auf die Welt von Harry Potter, die, grade weil sie sich eher zurück hält, mehr Raum für die Entfaltung der Phantasie zulässt. Dafür gibt es aber – verzeihbare – Probleme mit dem Rhythmus des Films. Nach dem sehr geschickt aufgelösten Finale ist der Film schneller zu Ende als erwartet, dies ist dann aber auch die einzige Stelle im Film, wo mehr auch mehr gewesen wäre. Teilweise ändern sich mit der Inszenierung von Cuaron auch die Charaktere. Vor allem Professor Dumbledore, der nicht mehr vom leider verstorbenen Richard Harris dargestellt werden konnte, aber von Michael Gambon wirkungsvoll ersetzt wurde, ist nun ein anderer. Cuarons Interpretation der Figur neigt dazu eher einen freundlichen Großvater abzubilden als den größten aller Magier. Dies ist Absicht, laut Cuaron sieht er in Dumbledore eine Art von Alt-Hippie.
Die Besetzung der neuen, auch für die Zukunft sehr wichtigen Rollen, ist wunderbar getroffen. Bereits im Vorfeld freute man sich darauf den großartigen Charakterdarsteller Gary Oldman in der Rolle des Sirius Black zu sehen. Mehr als das Buch stellt Cuaron Black von seiner Gefangenschaft in Askaban gezeichnet dar. Dementsprechend muss Oldman einen Schneideweg zwischen Wahnsinn, Haß und Normalität gehen. Das ausgeklügelte Mienenspiel Oldmans, das dies zeigen soll, wirkt jedoch manchmal übertrieben. Viel besser besetzt ist David Thewlis, der als junger Hogwarts-Dozent aus der Menge seiner Kollegen optisch wie emotionell herausstechen soll und dies auch tut. Thewlis, eher ewiger Nebendarsteller als Star, gibt seiner Figur Lupin viel mehr Würde und Raum, als dieser im Roman hatte, und macht ihn damit zur ebenbürtigen Figur neben Sirius Black. Lupin ist als eine Art geheimnisvoller großer Bruder von Harry Potter angelegt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Harry auf das Kommende vorzubereiten. Dabei überzeugt Thewlis völlig, seine Gratwanderung ist die zwischen Sympathie und Zwielichtigkeit.
Ob Cuaron hier einen besseren „Harry Potter“ vorgelegt hat, als es Columbus getan hat, soll den Fans überlassen bleiben. Aber es ist eine wohltuende, andere Sichtweise auf den Stoff, der auch die Zielgruppe anvisiert, die das Buch hat. Endgültig ist „Harry Potter“ nichts mehr für Kinder unter zehn, denn Cuaron inszeniert den Stoff so deftig, wie er zumindest sein sollte. Ob er auch für den nächsten Teil „Harry Potter und der Feuerkelch“ sich verantwortlich zeigen darf, werden wohl die Reaktionen auf seine Version, vor allem von Seiten der Fans, entscheiden. [srs]
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