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Elephant
(Elephant; USA, 2003)
Ein weiteres mal interessiert sich Gus Van Sant für die momentane Situation junger Leute. Waren vorherige Filme von ihm, wie etwa "My own private Idaho", "To die for" oder "Good Will Hunting" einem fest geschriebenen Script, einer festgelegten Dramaturgie gefolgt, lässt sich der Regisseur mit seinem zweifachen Cannes-Gewinner (Goldene Palme für besten Film, beste Regie) vollkommen auf Improvisationen seiner Protagonisten ein. Allesamt echte High School Kids, die nicht spielen, sondern Sein sollen. Doch da setzt auch schon ein erstes Problem seines Films an, denn die Jugendlichen geben sich zwar große Mühe sich selbst zu sein, wirken jedoch hin und wieder zu künstlich, zu gestellt, um dem Anspruch von Realität, der gestellt wird, vollkommen gerecht zu werden. Der ganze Film baut nach dem Prinzip auf, dass die Kamera jedem Protagonisten quasi über die Schulter blickt, ihnen in langen Einstellungen den ganzen Tag über folgt. Somit sehen wir alles aus verschiedenen Blickwinkeln, und wenn sich die Kids treffen, somit mehrmals dieselben Momente aus verschiedenen Perspektiven.
Die Verschachtelung der Begegungen ist für das Ziel, eine möglichst maximale, aktuelle Realität zu erreichen, aus inszenatorischer Sicht zweifellos eine großartige Methode, die auch wirkt. Der Film wird für den Zuschauer dadurch interessant, man wird zum integrierten Beobachter, zum Teil des Geschehens. Man muss sich Gedanken machen. Van Sant läßt es sich aber auch nicht nehmen, hin und wieder an entscheidenen Momenten der langen Bilder Zeitlupen zu verwenden, wodurch er den Blick des Zuschauers gezielt auf etwas Bestimmtes richtet.
Van Sants Konzept heisst wohl offensichtlich: Symbiose aus Fiktion und Dokumentation erschaffen. Zweifellos interessant anzusehen, jedoch fraglich, ob es das beste Mittel ist, das Thema "Gewalt an Schulen" filmisch zu behandeln. Freilich ist das Konzept passend, da der Regisseur ja auf Ursache und Wirkung bewusst verzichtet und einfach nur zeigen will, und zwar mögliche Gedanken, vorallem Gefühle, die an solch einem Tag vorhanden waren. Gründe werden nur angedeutet, alle sind sie schon x-mal durch die Medien gegangen. Warum Gewalt? Was bringt die jungen Menschen dazu? Keine neuen Fragen. Keine neue Antworten.
Insofern ist Van Sants Film wichtig für die Leute, die sich mit diesem Thema bisher nur minimal befasst haben, und interessant, um sich ein etwaiges Bild von der Situation an den Schulen zu machen. Er hat es geschafft, etwas Neutrales zu machen, dass trotzdem zum Nachdenken anregt, und das man somit nicht verpassen, mit dem man sich befassen sollte, da es immer noch zu viele Menschen gibt, die lieber wegschauen. Im Kino werden sie nun vielleicht aufmerksamer werden. Bleibt nur zu hoffen, dass nachfolgende Filme, ob nun mehr fiktiv oder (wahrscheinlich am besten) mehr dokumentarisch, es vielleicht schaffen, das Problem genauer zu beleuchten, und so etwas wie die Möglichkeit(en) einer Lösung, zu finden. "Elephant" ist dabei auf jeden Fall ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.
Anmerkung: Da der Film aufgrund der oben angegebenen Zuordnung im Vergleich zu anderen, im Kontext der unten aufgelisteten Kategorien, aus dem Rahmen fällt, erfolgt auch nur eine Bewertung auf der Skala ANSPRUCH in Bezug auf die Theamatik, und eine auf FAZIT, in Bezug auf die Wirkung der Umsetzung. [mb]
Die Geschichte ist kurz: während John (John Robinson) sich um seinen betrunkenen Vater sorgt, während Elias (Elias McConnell) seinem Hobby Fotografieren nachgeht, während die unbeachtete Michelle (Kristen Hicks) ihrer Arbeit in der Bibliothek nachgeht, während Acadia (Alicia Miles) in ihrem sinnlosen Arbeitszirkel debattiert, und während die magersüchtigen Schwachmatten-Girlies sich auf dem Klo von ihrem nicht wirklich gegessenen Mittagessen wieder verabschieden, stürmen die Kumpels Eric (Eric Deulen) und Alex (Alex Frost) mit Knarren, Munition und Sprengstoff die Schule und legen um, wer ihnen grade vor die Flinte kommt…
Seit wenigen Jahren ist es in Mode gekommen sich heiß darüber zu quatschen, warum so plötzlich immer mal wieder in amerikanischen Schulen – und mittlerweile ja auch in Deutschland – die Schüler durchdrehen und zu einem sinnlosen Amoklauf starten. Seit der Tragödie von Columbine und Michael Moores rauschendem Erfolg mit seiner Doku über die Tat und die Hintergründe, ist es auch in Hollywood modern geworden Filme über diese Thematik abzuhandeln. In den 80ern wären solche Serial Killers in ihren Filmen einfach auf eine Ein-Mann-Armee wie Sly Stallone gestoßen, der ihnen dann den Gar aus gemacht hätte, um das Publikum zum Jubel zu bringen. Da aber Horror-Fantasien von mordenden Teenagern mittlerweile Realität geworden sind, muss man sich anders mit dem Thema auseinander setzen. Mit „Heart of America“ drehte bereits der deutsche Uwe Boll in den Staaten einen zwar sehr reißerischen, im Kern jedoch nicht unähnlichen Film zu „Elephant“, dem neuen Werk von Independent-Filmer Gus Van Sant, der eigentlich fürs amerikanische Kabelfernsehen produziert wurde und im Zuge seines Siegezuges durch die Filmfestivals nun weltweit die Kinos stürmt.
Van Sant interessieren nicht die individuellen Gründe der Tat, er versucht sein Beweggründefeld so groß wie möglich zu halten. Sein Resultat ist jedoch einfach – und nicht ganz ohne Klischees. In einer Welt, in der man als Jugendlicher ohne Liebe aufwächst, den eigentlichen Vorbildern beim Verfall zuschauen muss und von diesen nicht Ernst genommen wird, kann man nur verzweifeln. Die Folge ist die Flucht in die Kreationen der Industrie. Van Sants Killers, die wie alle Figuren in „Elephant“ Sinnbilder für eine bestimmte Menschengruppe im Schulalltag darstellen, frönen dem Ego Shooter-Konsum und stehen auf großkalibrige Waffe. Und wie in einem ihrer Spiele begehen sie dann auch ihre Tat, sich jedoch durchaus bewusst, dass sie sich in der Realität befinden, denn eines stellt Eric schon lange vor der Tat fest: „Das werden wir wohl nicht überleben.“
Inhaltlich schwierig zeigt sich der Film optisch als ein Akt des Aussitzens. Obwohl der Film nur gut 80 Minuten geht ist ein Durchhalten nicht einfach, anfangs weil man sich an ewigen Kamerafahrten und den Banalitäten des Alltags ergötzen darf, später weil das Schul-Massaker vom ersten Moment an eines auf beklemmende Weise feststellt: es kann jeden treffen, auch Dich. „Elephant“ handelt im Endeffekt von einem Akt der Gewalt, von mehr nicht. Er handelt nicht vom warum, vom wie und vom wer. Und das macht ihn vielleicht, obwohl er über weite Strecken doch so ruhig ist, zum aggressivsten und radikalstem Film seit langem. Ein sehr schwieriges Stück Zelluloid mit verdammt viel Inhalt, denn zu ergründen alles andere als leicht ist. [srs]
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