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Kops
(Kopps; S/DK, 2003)
„Siehst du viel Fernsehen?“ – „Nicht mehr als normal!“ – „Was ist normal?“ Sein Blinddate auf eine Kontaktanzeige hatte sich Jacob (Fares Fares) wohl etwas prickelnder vorgestellt. Immerhin: es wird ein kurzer Abend. „Welche Zimmerpflanzen hast du? Und wieso hast du einen Schnurrbart?“ – „Ich dachte, das sieht gut aus“ – „Du bist nicht mein Typ.“ Am nächsten Tag kann sich Jacob wenigstens beim Kartenspiel mit einigen älteren Damen erholen. Mehr oder weniger. Denn die Omas achten beim Pokern mit den Polizisten nicht ganz so genau auf die Regeln. Sein Kollege Benny wiederum befindet sich im Großeinsatz. Er wird Zeuge eines Raubüberfalls. Doch Benny, der jeden amerikanischen Thriller auswendig kennt, ist jeder Actionsituation gewachsen. Nach einem spektakulären Car-Crash fängt er die Kugeln der Ganoven, ganz so wie er es bei „Matrix“ gesehen hat, mutig in Zeitlupe auf. Lässig dreht er danach seinen Revolver. Und setzt die Räuber überaus elegant fest. Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Zumal die Wirklichkeit weit banaler ausfällt: da muss Benny gemeinsam mit Kollegin Agneta nur eine entlaufene Kuh von der Straße bringen. Die spätere Lagebesprechung im Revier verläuft professionell wie gewohnt. Dabei überzeugt Benny diesmal die Kollegen und den Chef statt mit Häkelarbeiten mit Selbstgebackenem. Sein großartiger Plan, die Streifenwagen künftig mit zünftigen Code-Namen zu benennen, wird allerdings nach kurzer Diskussion fallen gelassen: „Wir haben doch ohnehin nur zwei Autos“.
Während Agneta ihren Kollegen und Ehegatten Lasse bei der Mittagspause am Würstchenstand zu Liebesgeständnissen nötigen will, versucht Jacob einmal mehr sein Kontaktanzeigen-Glück. Doch selbst seine Tricks, etwa eine Schnupftabakdose vollständig im Mund zu verbergen, fruchten bei der Dame wenig. Was allerdings nur daran liegt, dass seine eigentliche Verabredung noch gar nicht erschienen ist.
Seine Herzensdame sieht Jacob jedoch bald wieder. Sein vermeintliches Blinddate entpuppt sich am nächsten Morgen auf der Wache als Jessica Lindbladt vom Polizei-Hauptquartier. „Sie haben keine Kriminalität, die Sie motivieren könnte“, kündigt sie charmant den schockierten Cops die Schließung ihrer Dienststelle an. Die schnell einberufene Bürgerversammlung findet nicht ganz die erwartete Resonanz bei der Bevölkerung, eigentlich erscheint nur der Lokalreporter. Auch die Protestliste im Tante-Emma-Laden macht wenig Hoffnung, die Mitbürger interessieren sich mehr für das Mobiliar im Revier als für das Schicksal ihrer Ordnungshüter. Nun hilft nur noch Eigeninitiative. Während für Agneta und Benny ein demolierter Abfalleimer zum dankbaren Objekt kriminalistischer Bemühungen gerät, überzeugen Lasse und Jacob den örtlichen Penner mit einer Flasche Schnaps davon, dass sich Ladendiebstahl doch lohnen könnte. Pech nur, dass der Inhaber ausgerechnet in diesem Augenblick auf die Toilette muss, von dem raffinierten Raub gar nichts mitbekommt und nur mit viel Verhandlungsgeschick zu einer Anzeige überredet werden kann. Aus statistischen Gründen reicht ein kleines Verbrechen allerdings kaum aus, um die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Deshalb finden sich bald auch Graffiti an diversen Hauswänden. Autos werden zerstört. Und im Wald hören die verschreckten Bürger geheimnisvolle Schüsse und Schreie. Dass eines Nachts die Imbiss-Bude von Janne in die Luft fliegt, bereuen die Ordnungshüter zwar zutiefst („Wo sollen wir denn jetzt essen?“). Andererseits riecht das Verbrechen sehr nach Mafia. Die Bombe vom Tatort wird sofort als Beweisstück beschlagnahmt. Wenngleich unter dem lautstarken Protest von Janne, der darin sein Waffeleisen erkennt. Die schöne Inspektorin aus der Hauptstadt hat indes so ihre Zweifel an den sprunghaft gestiegenen Verbrechenszahlen. Bei einem Ortstermin im Wald sollen die geheimnisvollen Schüsse genauer untersucht werden. Dank Benny und seinem kriminalistischen Kinowissen können die Cops allerdings auch die atemberaubendste Geschichte noch plausibel erklären. Die letzten Zweifel von Jessica werden zerstreut, als plötzlich die Meldung einer Geiselnahme samt der Lösegeldforderung im Revier ankommt. Sofort rasen die beiden Streifenwagen zum Tatort, einer Hütte im Wald. Aus der Großstadt rückt das alarmierte mobile Einsatzkommando an. Während sich Jacob heimlich in die Hütte schleicht, stürmt Benny mit heldenhaftem Einsatz den Ort des Verbrechens. Er hat nichts zu verlieren. Schließlich ist das Kidnapping-Opfer der nette Nachbarsjunge. Und auch der Täter ist ein alter Bekannter. Nachdem das schwer bewaffnete Spezialkommando draußen sein Dauerfeuer eingestellt hat, gelingt den beiden Cops mit einem raffinierten Täuschungsmanöver die Flucht. Einmal mehr kann Benny beweisen, was er aus seinen geliebten Actionfilmen gelernt hat. Zum dramatischen Schluss jedoch wird nicht nur Bennys ganz großes Geheimnis gelüftet, auch der ganze Schwindel fliegt auf...
Nach dem Überraschungserfolg „Jalla! Jalla!“ ist dem Wahlschweden Fares Fares ein weiteres kleines Independent-Highlight gelungen. Mit vielen seiner Darsteller die bereits in „Jalla! Jalla“ ihr gekonntes Unwesen trieben, hat sich Fares diesmal eine Polizeistation und dessen kleine Polizistencrew als Handlungsort ausgesucht. Dabei stehen wieder die beiden Protagonisten aus „Jalla! Jalla!“ Fares Fares als Jakob, der ältere Bruder des Regisseurs, und Torkel Petersson als Benny im Blickpunkt des Geschehens. Gerade Torkel überzeugt in seiner Darstellung und er versteht es am besten die Lacher auf seine Seite zu bringen, da er durch sein großes schauspielerisches Talent unterstützt wird. Sei es in seiner Traumwelt als verbrecherjagender US-Polizist, als jemand der seine Polizeikameraden mit selbstgestrickten Stirnbändern überrascht oder als perücketragender Klogänger. Für seine Leistung in „Jalla! Jalla!“ wurde er zurecht als bester Schauspieler beim Comedy Arts Festival in Aspen ausgezeichnet. Als ‚European Shooting Star’ war Torkel 2003 sogar an der Seite von Daniel Brühl auf der Berlinale zu erleben. Aber auch die Handlung und der Film selbst hat einiges zu bieten, denn Fares Fares gelingt etwas zu dem nur wenige Regisseure wirklich in der Lage sind. Er vermag die beiden gegensätzlichen Stile Kunst und Kommerz miteinander in Einklang zu bringen. Die Charaktere und deren Geschichten, Alltagsprobleme und Charme vermag er sehr transparent und echt in Szene zu setzen und die SFX sehen zwar etwas sehr künstlich aus, aber vermögen durch ihre frische Darstellung zu begeistern. Die über 40 spezialeffektvollen CGI-Shots entstanden bei der schwedischen Trickfirma Syndicate Daher sollte man auch nicht die qualitative Messlatte an diversen Hollywoodproduktionen anlegen, da dies dem schmalen Budget und dem selbstironischen Glämmer des Streifens nicht gerecht werden würde.
Ein weiterer großer Pluspunkt des Streifens ist sein Humor, der in dem Film vielfältig und auf mehreren Ebenen zur Geltung kommt. So sind es nicht nur Bennys Phantasien und Träumereien in Bezug auf Terrorismusbekämpfung in Rambomanier stets einen Lacher wert, da die Stilelemente mehrerer Actionikonen wie „Matrix“ oder diversen Tarantino- und Woostreifen gekonnt auf die Schippe genommen werden, sondern auch der Humor der sich aus den Alltagsproblemen der Charaktere ergibt unterhält vorzüglich. Wenn Benny als „knallharter“ Bulle in seiner Freizeit Stirnbänder für seine Kollegen strickt und ihn der Nachbarsjunge auf den Balkon während der Tätigkeit entdeckt und dabei auch noch als Schwulen bezeichnet, da ja kein richtiger Mann dieser „Frauentätigkeit“ nachgeht, fühlt man sich an ähnliche Situationen erinnert die man vielleicht schon einmal selbst erlebt hat. So schafft es Fares Fares Elemente aus der anspruchsvollen Independent-Komödie mit dem B-Movie der Marke Hollywood zu verbinden und in eine Symbiose zu verschnüren die für viele funktionieren dürfte.
Jedoch merkt man den Darstellern auch an, dass nur wenige eine richtige Schauspielpraxis vorweisen können, so dass darstellerischen Höhepunkte hauptsächlich durch Torkel Petersson als Benny zum tragen kommen. Weiterhin können die SFX nicht mit dem Standart mithalten, was aus den oben genannten Gründen aber auch kaum ins Gewicht fällt. Weiterhin dürften einige Zuschauer mit dem unüblichen Mix der Genreelemente nur schwerlich zurecht kommen, da sich viele Cineasten entweder mit dem anspruchsvollen Film oder dem Hollywoodstreifen auseinandersetzen möchten. So verbleibt eine Empfehlung an die Personen, die gerne mal etwas Anderes oder Neues im Kino betrachten mögen.
Wer übrigens auf ein Hollywoodremake warten möchte müsste wohl gar nicht mal lange darauf warten. Adam Sandler plant bereits ein Remake für den US-Markt. Die britische „Times“ präsentiert das Filmtalent Fares unter der Überschrift „Who is the next Almodóvar?“.
[rk]
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