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Irreversibel

(Irréversible; F, 2002)

Man weiß nicht genau was auf einen zukommt, und alles was kommt ist schon passiert. Je länger wir uns in die Vergangenheit bewegen, desto mehr wollen wir verdrängen was in der Zukunft passieren wird.
Der Film beginnt mit verwackelten Bildausschnitten, wenig ist zu erkennen. Quälend lange weiß man nicht was passiert, läuft nur mit, durch dunkle Räume, Katakomben, hier und da blitzt ein Bild auf. Ohnmacht und Wut steigt auf: Was soll das, wann hat das alles ein Ende?
Die Irrsequenz endet mit einem Mord.
Langsam bewegen wir uns in die Vergangenheit, sehen zwei Männer auf der Suche nach einem Dritten. Dieser Dritte hat in einem Akt äußerster Brutalität und Widerwärtigkeit eine Frau vergewaltigt: die Freundin des einen und gleichzeitig Exfreundin des anderen. Wir sehen das Pärchen in Begleitung des Freundes auf einer Party, sehen das Pärchen vor dem Aufbruch zur Party in iherer Wohnung beim Liebesspiel und sehen zum Ende den Anfang: Ein heillos kitischiges Bild der Frau, umgeben von Blumen und Kindern. Sie streichelt sich sinnweisend über den Bauch: Sie erwartet ein Baby.
Der Film erzählt die Geschichte des Zusammenbruchs einer mittelständischen Idylle. Rückwärts. Je weiter wir in die Vergangenheit vorstoßen, desto heller, freundlicher werden die Bilder, desto ruhiger wird die Kamera, desto langsamer die Erzählweise. Wir sehen das Pärchen (Cassel/ Bellucci), sich liebend, neckend in einer langen wunderschönen Sequenz und können dennoch keine einzige Sekunde genießen, können uns nicht mit freuen, wenn sie ihm sagt, schwanger zu sein. Vor Augen hat man immer diese 10 Minuten. Sie wird in einer Straßenunterführung aus äußerste gedemütigt, geschlagen, getreten. Unendlich lange. Die Betrachtung erregt Übelkeit, man möchte irgendwann nicht mehr hinschauen und kann es nicht vergessen. Die Hinrichtung des Täters (man ist sich nicht mal sicher, ob er es überhaupt ist), der Endpunkt und die absolute Entgleisung des Lebens, das wir präsentiert bekommen. Der Mensch wird zum Tier, will Rache für das, was er verloren hat.
Die Idylle wird zersetzt, entlarvt. Jeder Satz wird hinterfragt in Hinblick auf das noch zu Geschehende.
Der Film kann nur rückwärts funktionieren, anderenfalls würde man dieses heile Leben unbefragt mittragen, die Bilder genießen und mit dem Schock über das Zerstörte das Kino verlassen. Bei Noé setzt der Schock gleich zu Beginn ein und zeigt, dass es das heile Leben niemals gab, den dort gibt es keinen roten Tunnel. Der Schlußinsert des Films bringt dies auf den Punkt: Le temps detruit tout: Die Zeit zerstört alles.

[mm]