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Die Einsamkeit der Krokodile
(D, 2000)
Auf der Spur nach einer großen Story befindet sich der Möchtegern-Journalist Elias (Janek Rieke). Der Hamburger glaubt, dass der mysteriöse Tod des 25jährigen ostwestfälischen Metzgerssohn Günther Sperl (Thomas Schmauser) sensationelles über die bäuerliche Gesellschaft enthüllen kann. So scheint es jedenfalls, in Wirklichkeit jagt er der Wahrheit viel eher nach, weil er sich mit der Geschichte Günthers identifizieren kann. In Günthers alter Tante Giesela (Rosemarie Fendel) findet er die richtige Zeugin, eine um ihren Neffen trauernde Großmutter, die von sich selber enttäuscht ist, denn sie hat dem Jungen niemals wirklich geholfen. Zwar war sie immer eine gute Zuhörerin und Tippgeberin, nie aber hat sie ihn resolut vor den Eltern in Schutz genommen. Günthers Eltern haben ihn nicht geschlagen, sondern mit ihrer Sorge und Liebe erdrückt. Als Sohn eines dörfschen Metzgers wächst der Junge zwischen blutigen Schweinehälften auf und erlebt von frühester Jugend im Schlachthaus Szenen, bei denen selbst manchem Erwachsenen übel werden dürfte. Sein dominanter Vater Helmut (Ernst Stötzner) hält ihn schon früh für verschroben, kommt aber nie darauf, dass er und seine Frau Friede (Renate Krößner) schuld am seltsamen Verhalten ihres Sohnes sein können. Den Eltern treu ergeben fügt sich Günther lange Jahre in sein Schicksal und verbringt sein Leben zwischen Karl May und Geige, Vokabeln und Büchern, die seine Eltern nicht verstehen. Doch in ihm wächst der Traum nach Freiheit. Er will nach Amerika auswandern und den Schatz im Silbersee bergen. Als er erkennt, dass dieser Traum wohl niemals Wahrheit wird tritt er für die Rechte der Schweine ein – und wird trotz seiner Genialität endgültig als Wahnsinniger abgestempelt, der schließlich auch von den Eltern in die Klapse eingewiesen wird...
Elias Recherchen in Günthers Heimatdorf, das bevölkert ist von egomanischen Bauern und machohaften Jungproleten, finden keinen Anklang. Als Schnüffler verschrien wird er auch hier zum Außenseiter, der er bereits zu Hause war. Denn auch Elias hat Probleme, ähnlich wie Günther. Erkrankt an einer Echolie muss er immer wieder zwanghaft die Worte seines Dialogpartners wiederholen, seine Unsicherheit tut ihr übrigens. Niemand im Dorf will ihm helfen, nur die verheiratete Kneipenbesitzerin Heike (Julia Jäger) schlägt sich auf seine Seite und verliebt sich dabei in ihn...
Was sich mehr nach einem tragischen Gesellschaftsdrama anhört artet schnell zur bissigen Gesellschaftssatire aus. Düster-melancholisch, aber voller Ironie zeichnet „Tatort“-Regisseur Jobst Oetzmann seinen Film zu einer nicht immer leicht verdaulichen Mischung aus Psycho-Analyse und Tragikomödie. Zwei Geschichten werden parallel aufgebaut, die von Journalist Ellias und die von Wunderkind Günther, beide drohen an der Stupidität des Dorfalltags zu zerbrechen, ergeben sie sich ihr werden sie genauso dumm wie die Menschen um sie herum. Günther findet seinen Ausweg im Freitod und ebnet damit Elias den Weg in ein besseres Leben – obwohl sie sich gar nicht kennen. Nicht eine Szene haben die beiden Schauspieler Janek Rieke und Thomas Schmauser zusammen, kein Wunder, denn, zumindest chronologisch gesehen, ist der eine schon lange tot als der andere ins Spiel kommt.
Rieke und Schmauser, beide relativ unbekannte deutsche Schauspieler, beide aber Darsteller mit Format. Schmauser gibt als naives Genie eine zwar schrullige, aber äußerst liebenswerte Darstellung ab, die Rolle des Journalisten Elias ist da jedoch noch etwas dankbarer. Als äußerst zerbrechlicher, aber dennoch charakterstarker junger Mann kann Rieke endlich wieder zeigen, dass er immer noch ein Geheimtipp ist. Bereits durch die Dreierbelastung als Hauptdarsteller, Regisseur und Drehbuchautor bei seinem bisher größten Erfolg „Härtetest“ konnte er zeigen, dass er zum Star der neuen deutschen Generation gehören könnte, auch hier beweist er es mit Melancholie in den Augen erneut.
Der Film lebt von seinen Figuren, denn die sind sogar am Rand wunderbar gezeichnet. Ob nun der zurückgebliebene Roland, der als Schweinekiller versucht den Tod seines einzigen Freundes Günther zu rächen, ob nun die von Günthers Eltern, die herrlich zickig von Renate Kößter und Ernst Stötzner verkörpert werden, oder schließlich auch der von Elias Freundin Heike, die total auf Gummihandschuhe steht und selber dem miefigen Kleinstadtleben entkommen will, und in der bezaubernden Julia Jäger die Idealbesetzung findet.
So entsteht eine garstige Posse über die Verblödung auf dem tristen Ackerland, ein Film, den man sich als Bauer nicht unbedingt zu Herzen nehmen sollte, der jedoch ein kleines Schmuckstück in der deutschen Kinolandschaft darstellt. Es ist keine Satire zum lachen, ein breites Publikum sucht er auch nicht. Regisseur Oetzmann will ätzenden Sarkasmus. Und den baut er wundervoll in seinen Film ein. „Die Einsamkeit der Krokodile“ ist ein Geheimtipp – und dürfte dies auch bleiben. [srs]
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