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Minority Report
(Minority Report; USA, 2002)
Zerrbilder aus der Zukunft haben schon immer im Film eine wichtige Rolle gespielt – und oftmals ihre Spuren hinterlassen. Schon Fritz Langs Stummfilm-Meisterwerk „Metropolis“ erwies sich als wegweisend, ebenso Ridley Scotts „Blade Runner“. Steven Spielberg lustwandelt nun auf den Spuren seiner Vorgänger, wie auch schon Scott verwendet er für seinen Film „Minority Report“ eine Geschichte des Sci-Fi-Autors Philip K.Dick. Fraglich dabei ist natürlich, ob Spielberg genauso ein düsteres Bild der Zukunft entstehen läßt, wie es z.B. für Scott eine Selbstverständlichkeit war. Grade „Blade Runner“, die pessimistische Future-Ballade mit Noir-Einschlag, hat sich Spielberg zum Vorbild genommen, die Gemeinsamkeiten liegen nicht nur am selben Autor der Vorlage.
Der Trailer zu dem mit Tom Cruise prominent besetzten Film läßt die Erwartungen ansteigen. Da muss Action drin sein, da müssen tolle Effekte vorkommen und da scheint sogar eine intelligente Story mit Anspruch eingepackt zu sein. Um eines vorwegzunehmen, „Minority Report“ hätte das Zeug zu einem Meisterwerk des Genres. Hätte. Wenn Spielberg es nicht versauen würde...
Während der 30er und 40er Jahre des 21.Jahrhunderts ist die Mordrate in Amerika auf eine unermeßliche Zahl angestiegen. Da die Verbrechensaufklärung dadurch nicht mehr effektiv schien entwickelte man eine andere Methode: Verbrechensvorbeugung musste an die Tagesordnung. Nun ist das Jahr 2054 und in den letzten fünf Jahren ist kein einziger Mord mehr geschehen. Dieses verdankt man der „Pre-Crime Devision“, einer Spezialeinheit, die in Washington gebildet wurde und über die Stadt wacht. In den Labors der Pre-Crime liegen in einem Wasserbassin drei Menschen mit hellseherischen Fähigkeiten, deren Gedanken und Träume dank modernster Technik ausgewertet werden können. Sie sehen die Morde Stunden, manchmal Tage bevor sie wirklich passieren, so kann die Pre-Crime Devision den Täter verhaften bevor er sich eigentlich strafbar gemacht hat. Einer der besten Detectives der Einheit ist John Anderton (Tom Cruise), ein vom Leben gebeutelter Polizist, der seit dem unerklärlichen Verschwinden seines kleinen Sohnes vor sechs Jahren ein Martyrium durchleidet. Sein Privatleben existiert praktisch nicht mehr, seine Frau hat ihn verlassen und er lebt nur noch für seine digital gespeicherten Erinnerungen und seine Drogensucht, das System, für das er arbeitet, hinterfragt er nicht.
Nun ist es soweit, dass der Pre-Crime Modellversuch von Washington in ganz Amerika Anwendung finden soll. Entwickler und Oberhaupt Lamar Burgess (Max von Sydow) ist dadurch in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt, die in wenigen Tagen über den Erhalt von Pre-Crime abstimmen soll. Der eher altmodische Detective Danny Witwer (Colin Farrell) soll für die Regierung das System näher begutachten. Witwer hält nichts von Pre-Crime und das zeigt er auch recht deutlich. Als Anderton morgens zur Arbeit kommt wird er mit einer neuen Vision konfrontiert, die zeigt wie er selber in 36 Stunden einen ihm unbekannten Mann erschießt. Anderton weiß, was ihm nun blüht, wenn er nicht schnell die Flucht ergreift. Verfolgt von Witwer, der kurzerhand die Leitung der Jagd übernimmt, muss sich John gegen das Überwachungssystem der Zukunft erwehren, um überhaupt einmal eine Verschnaufspause zu bekommen. Er glaubt, dass er reingelegt werden soll, nur warum? Bei der Ärztin Iris Hineman (Lois Smith), die einst das Pre-Crime-System mitentwickelte, bekommt er eine Antwort: nicht immer haben die Hellseher übereinstimmende Visionen geliefert, andere Versionen von Mordszenarien werden als sogenannte „Minority Reports“ von Burgess unter den Teppich gekehrt um nicht zu zeigen, dass das System durchaus fehlerhaft ist. Anderton ist nun davon überzeugt, dass es auch von seiner zukünftigen Tat eine zweite Version geben muss...
Klassische Musik, schnelle Schnitte, blasse Farben. Dazu Tom Cruise, der furios die Visionen auf dem Bildschirm dirigiert und innerhalb kürzester Zeit die Details des zukünftigen Mordes erfaßt. Vom ersten Moment an zeigt sich „Minority Report“ visuell äußerst packend. Die Zukunft scheint so düster mit all ihren Überwachungsapparaturen, die anscheinend nur dazu da sind um jeden ganz individuell in eine persönliche Kommerzmaschinerie zu stecken, die dem Staat aber noch viel mehr Informationen über jeden einzelnen Bürger bringt. John Anderton ist auf der Flucht und erstmals muss er einsehen, was es wirklich bedeutet, wenn er per Augenscan überall erkannt wird und jede Werbetafel ihn mit Namen anredet. Der Film zeichnet das Bild einer Überwachungsgesellschaft, die kaum einer als das erkennt was sie ist. Auch die Stadt erscheint wie ein brodelnder Hexenkessel. Da gibt es endlose Freeways, die nun in alle Richtungen führen, auch nach oben, und im Kontrast dazu wieder dunkle dreckige Ecken, die niemand kennen will. Da ist alles so hoch technologisiert, dass in Fabriken niemand mehr arbeitet. Die Demokratie wird verzweifelt aufrecht erhalten, indem den potentiellen Mördern der Zukunft ein längst zur Routine gewordenes Schnellverfahren angehängt wird, dass vor der Verhaftung bereits über deren Zukunft bestimmt.
Die Ansätze von Spielbergs Zukunftsvision sind interessant, nur leider gehen sie nicht über Ansätze hinaus. Da wird der Fortschrittswahn nicht kritisiert, sondern dient nur dem einfachen Unterhaltungseffekt, der zudem auch noch, wenn Tom Cruise in luftigen Höhen über Autodächer springt, völlig übertrieben wirkt.
Schlimm ist das alles nicht, „Minority Report“ erzählt in seinen ersten zwei Stunden eine spannende Geschichte, die auf ein sehr philosophisches Ende hinaus zu steuern scheint, dass dieses ganze System in Frage stellt, so dass sich all das Gezeigt zu einem Denkansätze bringenden Ganzen vereint. Bevor es jedoch zu einem ansprechenden, aber natürlich auch sehr pessimistischen Ende kommen kann, kippt der Film völlig. Statt auf Aussagen legt Spielberg mehr Wert auf eine sehr dröge und altbackene Krimiauflösung, wie man sie schon zig Mal gesehen hat. Und leider auch oftmals besser.
Im Endeffekt krankt der Film an Spielbergs anscheinend vorherrschender Angst nach dem Sci-Fi Flop mit „A.I.“ erneut am Boxoffice eine Bruchlandung hinzulegen. Konventionell, bieder und schrecklich unoriginell erscheint „Minority Report“ am Ende, und dass nicht nur wegen seiner überkitschten letzten fünf Minuten, die den Film endgültig in den Bereich des knapp überdurchschnittlichen Popcornkinos verfrachten. Als Unterhaltungsfilm funktioniert der Streifen perfekt, als mehr jedoch nicht. Von einem „Hollywood-Giganten“ wie Steven Spielberg, der nun schon mehrfach bewiesen hat, dass er in der Lage ist mit anspruchsvollen Stoffen passend umzugehen, kann man aber mehr erwarten. Und dazu gehört auch den Zuschauer nicht mit unpassenden Witzchen bei Laune halten zu wollen und den Darstellern keinen wirklichen Entfaltungsraum zu geben. Selbst Tom Cruise, der mal wieder alles tut um sich selber im richtigen Licht zu präsentieren und den Film zu beherrschen, geht in dem Effektgewitter nach nachwirkenden Actionsequenzen unter, viel schlimmer jedoch erscheint, dass der viel interessantere Charakter von dem von Colin Farrell gespielten Detective Witwer nicht näher beleuchtet wird. Spielberg interessieren die Charaktere aber wenig, diesmal war es ihm am wichtigsten dem amerikanischen Massenpublikum zu gefallen, der Cineast hingegen darf sich auf Grund des ungenutzten Potentials der Geschichte schwarz ärgern. [srs]
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